Nachdem ich ja nun den Rest des Tages mit dicker Lippe verbringen musste und mein Kollege sich dafür gefühlte zehn Mal entschuldigte und jede Stunde sich mitfühlend erkundigte, wie es mir denn ginge, sah ich mich gezwungen, ihm doch irgendwann zu verzeihen.
Das tat ich, indem ich ihm erzählte, es sei ja nun nicht das erste Mal gewesen, dass ich auf der Arbeit von einem Mann eine reingekriegt hätte.
Und das kam so: Vor zehn Jahren habe ich direkt nach meiner Ausbildung bei einer Druckerei angefangen und war einem Abteilungsleiter unterstellt, der bei seinen Kollegen dafür bekannt war, eigene Fehler immer auf seine Untergebenen zu schieben. Vorher tat er immer total nett und freundlich, machte auf gut Freund und tat bei Problemen so, als ob man sich voll auf ihn verlassen könnte, wenn man deswegen beim Chef Ärger bekommen sollte. Er würde einen schon da rausboxen.
Wenn es aber hart auf hart kam und man mit ihm zusammen tatsächlich beim Chef war, um zusammengestaucht zu werden, dann wusste er plötzlich von nichts mehr und ließ einen im Regen stehen.
Wenn man Glück hatte.
Denn wenn nicht, dann log er auch noch eiskalt den Chef in meinem Beisein an, um seine eigene Haut zu retten, und schob seine Verantwortung stumpf auf seine Untergebenen, sprich mich, ab.
Das Ganze hat er genau zwei Mal mit mir gemacht, dann hatte ich die Schnauze voll und habe ihm gesagt, dass er ein verlogener, feiger und absolut unfähiger Abteilungsleiter sei und bei mir nicht mehr ankommen braucht, wenn er was wollte. Daraufhin hat sich unser „freundschaftliches“ Verhältnis stark abgekühlt.
Eines Tages ging ich an den Tisch einer Kollegin, um sie etwas zu fragen. Doch da er dort schon stand und sich mit ihr unterhielt, blieb ich rechts neben und einen Schritt hinter ihm stehen, ohne mich bei ihm bemerkbar zu machen. Meine Kollegin hatte mich hingegen gesehen und nickte mir zu, dass sie gleich für mich da sei. Da er ihre Kopfbewegung gesehen hatte, musste er also wissen, dass jemand hinter ihm steht.
Plötzlich fängt der Arsch an rumzufuchteln, da er irgendeine Anekdote erzählt und reißt seine Arme dabei soweit auseinander, dass sein Handrücken mit Schwung mein Gesicht trifft und mir die Unterlippe von innen gegen die Zähne und damit blutig schlägt. Erschrocken dreht er sich um, sieht mich und wie ich mir vor Schmerzen die Hand vor den Mund halte, sagt nur „Ups“, lacht einmal hämisch auf, dreht sich um und unterhält sich weiter mit meiner Kollegin, die von seinem Verhalten genauso so perplex ist wie ich.
Einige Monate danach habe ich dann gekündigt. Nicht nur wegen ihm, sondern auch wegen der Geschäftsführung, die ihm in nichts nachstand, nur dass ich von jener nicht körperlich misshandelt wurde.