Eine Therapiesitzung gespart

Frühjahr 2009: Eine kleine Werbeagentur lädt mich zum Vorstellungsgespräch ein, an die ich vorab schon Referenzen per Post geschickt hatte. Vorher schaue ich auf deren Homepage und fange an zu lachen. Das Intro ist der Hammer, vor allem der Spruch: „Wir kommunizieren die Natur der Dinge.“ Ok, muss wohl eine sehr gute Agentur sein.

Ich fahre gut vorbereitet mit weiteren Referenzen im Gepäck zum Gespräch. Der Herr lässt mich erstmal meinen Lebenslauf auswendig aufsagen und blättert durch die Referenzen. Als ich fertig bin, fängt er erst an: Warum ich nur so wenig mitgebracht habe. (Äh, das hatte ich gerade eben erklärt.) Wie ich denn darauf käme, 2.300 Euro brutto als VHB anzugeben. Er sähe doch, dass ich ein Nichtskönner bin. Die Typografie ist ätzend, die Bildanordnung ist scheiße, von Design hätte ich ja keine Ahnung. Er müsste mich ja noch einmal komplett neu ausbilden, da wären 2.300 ja wohl völlig übertrieben. Wie ich auf die Idee käme, mich überhaupt mit diesen nicht vorhandenen Fähigkeiten zu bewerben? Es hätte sich jemand vorgestellt, der total gut wäre und einen riesigen Stapel an Referenzen dabei hatte. Der würde nur 1.600 Euro brutto verlangen.
Das alles in einem Ton, der mich ob solcher Unverschämtheit regelrecht erstarren lässt. Wo bin ich denn hier gelandet, beim verbalen Kickboxen ohne Erziehung und Anstand?

Plötzlich schalten sich mein Hirn und meine Zunge wieder ein: „Danke für die konstruktive Kritik. Die nehme ich gerne an. Aber dann stellen Sie diesen Mann doch ein, wenn er mit 1.600 Euro leben kann. Ich kann das nicht, allein der Sprit würde mich schon auffressen, da ich 35 km entfernt wohne. Warum habe Sie mich überhaupt eingeladen, wenn Sie meine Arbeit so dermaßen scheiße finden?“ Fassungslos sitze ich ich dem Arsch gegenüber. „Das bin ich Ihnen als einer der besten Grafiker schuldig, damit Sie sich verbessern können.“ An diesem Punkt habe ich mich entschlossen, dass Totschlag keine Lösung ist. Das Gespräch habe sofort abgebrochen und bin gegangen.

Im Auto habe ich 10 Minuten gebraucht, um das Lenkrad wieder loslassen zu können. Ich bin wirklich kein typisches Mädchen, aber ich musste heulen. Vor Wut auf den Typen und auf mich, weil ich mich habe so behandeln lassen und viel zu spät reagiert habe. Für wen hält der sich? Für Jung von Matt oder was? Wenn die mir das gesagt hätten, wäre das was Anderes gewesen, aber doch nicht diese kleine Popel-Klitsche. Und dann nicht auf diese Art und Weise. So etwas ist nicht professionell, Junge.

Eine Freundin sagte später, damit hat sich der „ach so tolle“ Grafiker eine Sitzung bei seinem teuren Therapeuten gespart. Wahrscheinlich lädt er einmal im Monat jemanden ein, den er zur Schnecke macht, um sich selbst als Gott zu fühlen.

Nochmal lasse ich mir das nicht bieten. Auf so einen potentiellen Chef kann ich verzichten.

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Über AnGarasu

Ich (E30) bin gelernte Pixelschubse für Printmedien und gleichzeitig Bastelqueen. Beides unter einen Hut zu bringen fällt mir manchmal schwer, da mich die ganzen freilaufenden Irren in meinem Leben echt wahnsinnig machen. Als Selbsttherapie schreibe ich deswegen die skurrilsten Geschichten in "Devil Inside" und do-it-yourselfe ziemlich grobmotorisch zum emotionalen Ausgleich in der "Bastelhölle". Das nenne ich Multi-Tasking – live und in Farbe … Zeige alle Beiträge von AnGarasu

One response to “Eine Therapiesitzung gespart

  • stadtkatze

    Wir sollten ihm dankbar sein. Ewiglich plus 3 Tage. Sonst wären wir jetzt möglicherweise nicht hier 😎

    Kommunizieren die eigentlich immer noch die Natur der Dinge? Mit/an wen eigentlich, hast Du das schon herausgefunden?

    Lass uns in uns gehen!
    Nein, pfui! Jeder in sein eigenes Inneres!

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