Umgehauen

Frühjahr 2002: Mein Ausbildungsbetrieb hatte eine Zweitbüro in einer Druckerei, mit der wir sehr eng zusammen garbeitet haben und die uns Ihre Kundenaufträge übergeben hat, da sie keine eigene Satzabteilung hatte. Ich war regelmäßig dort und habe mit einem sehr netten und wirklich qualifizierten Kollegen zusammen gearbeitet. Von ihm habe ich mehr gelernt als von allen anderen zusammen.

Dieses Büro hatte eine Holztür mit einem großen Fenster im oberen Drittel, durch das man auch vom Stuhl aus quer durch die Druckerei sehen konnte, bis zu einem Archivraum, in dem die Kundenakten lagen. Einer der stillen Teilhaber dieser Druckerei war ein extrem korpulenter, etwa 50 jähriger Alkoholiker. Er kam jeden Tag mit einen Standardpegel von geschätzten 1,5 Atü in die Firma gefahren, mit dem Auto. Die Fahne konnte man schon 100 m vor seiner Ankunft riechen. Gegen Ende meiner Ausbildungszeit wurde es mit ihm immer schlimmer. Meine Kollegen haben sich jeden Tag darüber unterhalten, wie verantwortungslos die Geschäftsleitung der Druckerei handelt. Die hat die Alkoholsucht seit Jahren vertuscht, obwohl es natürlich schon viele gefährliche Vorfälle mit diesem Mann gab. Niemand hat mal wirklich etwas dagegen unternommen oder auch nur gesagt. Alle haben sich nur lustig gemacht. Außer mir. Ich fand, man sollte den Herrn wegen Trunkenheit am Steuer anzeigen.

Eines Tages sehen ich durch das Fenster in der Holztür und den Herrn mal wieder kräftig vollgetankt durch die Druckerei schwanken, wie eine Fregatte bei einem Orkan von einer Seite auf die andere schlingern. Wenn die Druckmaschinen nicht aus starken Stahl bestanden hätten, seine Körpermasse von 180 kg hätte sie glatt durch die Wand geschoben, bei dem Versuch sich abzustützen. Mit einer Mischung aus Faszination und Entsetzen sehe ich ihn ins Archiv gehen und denke noch: Wie hält er sich bloß auf den Beinen? Ich sehe kurz weg, weil mein Kollege mich etwas fragt. Wirklich nur einen Bruchteil einer Sekunde! Als ich wieder hinsehe, ist die Fregatte weg. Höh? Was zum … Wo ist der? Zum Raum gibt’s nur einen Zugang und durch den ist er doch gerade gegangen. Ich stehe auf, um mir das genauer anzusehen und kriege gerade mit, wie drei Drucker mit einem Affenzahn durch die Druckerei ins Archiv rennen. Als ich unsere Bürotür öffne, bietet sich mir das ganze Spektakelum dar: Der besoffene Seemann liegt wie ein Maikäfer auf dem Rücken und kommt nicht mehr hoch! Da hat’s ihn doch glatt von den Beinen gehauen, als ein Regal, an dem er sich abstützen wollte, seiner Masse nicht gewachsen war und einfach in sich zusammengebrochen ist und er gleich mit. Die drei Drucker – ziemlich kräftige Männer – haben ihn nur mit Müh und Not hoch gewuchtet bekommen.

Der Geschäftsführer jr. konnte diesen Vorfall leider nicht mehr vertuschen, da zu viele Leute ihn mitbekommen haben. Vor allem mein Kollege und ich. Ich fand, es war an der Zeit, mal der Polizei einen Tipp zu geben und habe das auch laut ausgeprochen. Daraufhin kamen mein Chef und der Geschäftsführer der Druckerei zu mir, um mich davon abzuhalten. Aber es sollte noch zu einem weitaus schlimmeren Vorfall kommen, bevor der Herr in den Entzug geschickt wurde.

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Über AnGarasu

Ich (E30) bin gelernte Pixelschubse für Printmedien und gleichzeitig Bastelqueen. Beides unter einen Hut zu bringen fällt mir manchmal schwer, da mich die ganzen freilaufenden Irren in meinem Leben echt wahnsinnig machen. Als Selbsttherapie schreibe ich deswegen die skurrilsten Geschichten in "Devil Inside" und do-it-yourselfe ziemlich grobmotorisch zum emotionalen Ausgleich in der "Bastelhölle". Das nenne ich Multi-Tasking – live und in Farbe … Zeige alle Beiträge von AnGarasu

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