Katatonische Starre

Herbscht 2010: Es gibt eine Ziegenart, die bei Schock einfach umkippt und völlig starr auf dem Rücken liegen bleibt. Allerdings dauert dieser Zustand nur wenige Sekunden. Bei mir dauerte er sechs Tage lang.

Ich konnte ich mich nach der überraschenden Kündigung nicht aufraffen, einen neuen Job zu suchen. Ich verbrachte die Tage in dieser Schockstarre, um abends einfach ins Koma über zu gleiten und die Nacht mit Alpträumen zu verbringen.

Die Halloweenparty, auf die ich mich seit Wochen freute, konnte ich nicht genießen. Auf meinen baldigen Geburtstag kann ich mich noch weniger freuen.

Doch ein Schock kommt ja bekanntlich selten allein. Der Nächste rief mich heute Morgen persönlich an: meine Mutter. Diese Nachricht hat mich in die Höhe schießen lassen.
Mein Bruder (an undiagnostizierter Schizophrenie leidend, seit Jahren arbeitslos und nicht fähig, sich um seine Angelegenheiten zu kümmern) ist kurz vor dem Verhungern und erfrieren. Aufgrund irgendwelcher von ihm nicht erfüllten Vorgaben der Arge, haben die ihm seit zwei Monaten das Geld komplett gestrichen. Seine amtliche Betreuerin hat das, warum auch immer, erst jetzt mitbekommen und sich auch erst jetzt darum gekümmert. Er bekommt natürlich wieder Geld, aber leider nicht rückwirkend. D. h. ihm wurde Strom (und damit auch die Heizung) und Wasser  abgestellt. Seit über zwei Wochen. Zu Essen konnte er sich fast nichts kaufen, da er nur einen 1-Euro-Job hat.

Die Betreuerin rief meine Mutter heute Morgen an, um ihr das zu berichten. Sie solle sich doch bitte außerdem mit einem verantwortlichen Sachbearbeiter beim Sozialamt unterhalten, damit mein Bruder für drei Stunden im Monat einen Sozialhelfer bekommt. Doch der SB weigert sich. Er sieht keine Notwendigkeit von zwei auf drei oder mehr Stunden zu gehen. („Man müsse erst Mal sehen, wie sich das entwickelt.“ Wie lange das dauern soll, wollte er nicht beantworten.) Doch die paar Stunden bringen überhaupt nichts.

Wir haben letztes Jahr veranlassen wollen, dass mein Bruder in eine Klinik oder ein betreutes Wohnheim eingewiesen wird, da wir ihm als Familie schon seit Jahren nicht mehr helfen konnten und er anfing, mit Suizid zu drohen. Doch wir werden von den Ämtern nur im Stich gelassen. Es wird keine Notwendigkeit einer Zwangseinweisung gesehen. Dass er überhaupt nicht mehr fähig ist, sich alleine zu helfen, an Angstattacken leidet und total verwahrlost, wird total ignoriert. „Man könne ihn ja nicht zwingen“ und „man ist ja auf seine Mitarbeit angewiesen“. Er KANN aber nicht mitarbeiten, er ist doch KRANK im Kopf. Nur, das verstehen diese Idioten nicht!

Jetzt schalten wir einen Anwalt ein, um gegen die Entscheidungen der Ämter vorzugehen. Ich will nämlich nicht diejenige sein, die meinen Bruder vom Balken schneiden muss.

Das hat mich so aufgerüttelt, dass ich immerhin zwei Bewerbungen abgeschickt habe. Wenigstens etwas.

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Über AnGarasu

Ich (E30) bin gelernte Pixelschubse für Printmedien und gleichzeitig Bastelqueen. Beides unter einen Hut zu bringen fällt mir manchmal schwer, da mich die ganzen freilaufenden Irren in meinem Leben echt wahnsinnig machen. Als Selbsttherapie schreibe ich deswegen die skurrilsten Geschichten in "Devil Inside" und do-it-yourselfe ziemlich grobmotorisch zum emotionalen Ausgleich in der "Bastelhölle". Das nenne ich Multi-Tasking – live und in Farbe … Zeige alle Beiträge von AnGarasu

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