An der Nordseeküste, am plattdeutschen Strand …

… sind Strandkörbe keine Seltenheit. Sie gehören quasi zur Grundausstattung der Deiche bei Sturmflut und könnten, meiner Meinung nach, nach bei strategischer Platzierung eine beinahe undurchdringliche Front gegen sich auftürmende Wassermassen bilden. Hätte es sie damals in so rauer Menge wie heute gegeben, wäre die Storyline des allseits bekannten ‚Schimmelreiters‘ etwas anders abgelaufen.
Und zwar ungefähr so: Bequem in seiner aus Reet geflochtenen Sitzgelegenheit zurück gelehnt und ein Tässchen Tee schlürfend, hätte dieser nämlich vom Deichkamm aus fröhlich den tosenden Wellen zugewunken, anstatt wie ein irrender Reiter zusammen mit seinem weißen Zossen, das eigentlich eh ein Zombie, Wiedergänger, Geisterpferd oder (hier bitte passende Bezeichnung Ihrer Wahl einsetzen) war, abzusaufen, nachdem er durch seine ignorante Arroganz seine Leute in den Tod getrieben hatte.

Kommen wir nach dieser fiktiven und etwas wirren Einleitung nun zum eigentlichen Thema dieses Beitrages: Die in tiefstem Niedersachsen auf einem Dorf (von Strand oder Wasser ist keine Spur zu entdecken) lebende Omma von Männe wird 90. Eine stolze Zahl, die ihre Schatten voraus wirft. Nicht nur weil die 100 droht, nein, sondern eben auch der Lauf der Dinge, sprich das anzunehmende baldige Ableben. Klingt herzlos, kalt und unsensibel, wenn ich das so platt formuliere. Genau das ist es auch.
Doch ich reibe es der alten Dame, die bis vor noch mindestens 25 Jahren ein wirklich ambitionierter Hausdrachen gewesen sein soll, der sogar mich vor Neid hätte erblassen lassen, nicht unter die Nase. Nein.
Nur weil ich mir dessen bewusst bin, heißt es doch noch lange nicht, dass ich das Geburtstagsgeschenk aus diesem Gedanken heraus resultierend aussuche. Nein, sie bekommt von uns etwas Persönliches und professionell Selbstgemachtes. Ein richtig gebundenes Gästebuch mit Glückwünschen, Gedichten, Geschichten und Erinnerungsphotos.
Ich habe dafür vier Tage lang mir zum Teil fremde Leute angerufen, die zu der Geburtstagsfeier eingeladen wurden, und habe ihnen meine Idee erklärt und um ihren Beitrag für dieses Buch gebettelt gebeten. Teilweise habe ich mir den Mund fusselig geredet, da die Leute schon etwas älter und damit laaangsaaam waren, oder schwerhörig (Wie bitte? Häh? Wer sind Sie?), dann musste ich mehrere lang Minuten Wiederholungen schreien. War beides nicht wirklich erbaulich.

Vier Vochen zuvor war ich bei Schwieeltern und habe ihnen die Idee erklärt, die bei ihnen auf Begeisterung stieß („Da wird sie sich aber freuen, das ist eine tolle Sache, kommt bestimmt bei Jedem, der mitmacht, gut an … etc.“), und auch um ihren Beitrag gebeten, den ich eine Woche später erhielt.
Da ich auch die Einladungskarten für Omma gestaltet und gedruckt habe, bin ich vorübergehend in den Besitz eines ihrer alten Photoalben gekommen, da eines der Bilder als Titelfoto verwendet werden sollte. Also habe ich die günstige Gelegenheit genutzt, gleich alle Abbildungen, wo Omma mit drauf war, einzuscannen, zu bearbeiten (vier Stunden lang) und für das Buch zu verwenden. Nach jedem Familiengruß kommt jetzt eine Seite, auf der sie groß in jeder Lebenslage zu sehen ist.
Nachdem ich endlich alles, was ich wollte auch von den Leuten zugeschickt bekommen habe, ließ ich am Montag für weitere drei Stunden meinen Scanner heißlaufen, während ich davor eine Stunde lang am Layout und dem Bildtext herum gebastelt hatte.
Plötzlich klingelt das Telefon, reißt mich aus meiner hektischen Betriebsamkeit und ich gehe ran.

Schwiemutter: „Wir waren bei d. und haben für Omma einen Strandkorb zum Geburtstag gekauft.“
Ich: (in Gedanken: ‚WTF? Was soll die mit einem Strandkorb?‘) „Häh?“
SM: „Ja, und da der ziemlich teuer war, wollen wir, dass ihr Geld mit dazu gebt.“
I: „Ich geb dir mal lieber deinen Sohn.“ (Reiche das stumm geschaltete Telefon weiter, erkläre kurz die Situation und ermahne ihn, dass er sich gut überlegen soll, ob er wirklich etwas dazu gegen will, da wir schon länger ziemlich knapp bei Kasse sind und es mit Sicherheit hier nicht um 50 Euro gehen wird.)
Männe: (nickt mir zu und nach längerem Zuhören zu seiner Mutter): „Wir haben schon ein Geschenk, aber ich denke mal darüber nach.“ (wird eifrig bequatscht) „Nein, ich denke erst mal darüber nach, das Buch ist ja auch nicht ganz billig.“ (weiteres eindringliches Gemurmel, dessen Inhalt ich mir gut denken kann) „Wieviel? 850 Euro? Für einen Geburtstag?“
(Uns beiden fiel Alles aus dem Gesicht. Natürlich war er nicht bereit, Geld dazu zu geben, wollte sich aber noch die richtigen Worte zurecht legen, bevor er seine Eltern wieder anrief.) „Ja, mal sehen. Ich denke darüber nach und melde mich dann.“

Was war passiert, könnte sich der geneigte Leser an dieser Stelle fragen.
Ich habe folgende Szene im Kopf (und bin den Reaktionen anderer empörter Familienmitglieder nach zu schließen damit nicht allein): Aus einer spontanen Laune heraus haben meine Schwies bei einem Einkausfbummel in einer Möbelstadt einen superduper tollen Strandkorb für lockere 850 Euronen gesehen und sich gedacht: „Hey. Wir haben noch nichts für Omma. Kaufen wir doch den Strandkorb. Wir wollten doch schon seit Langem selbst einen haben und da Omma bestimmt bald stirbt, werden wir ihn eh erben und dann haben wir ihn zum halben Preis bekommen. Denn natürlich bezahlen wir nicht alles selbst, sondern holen uns, Fuchs wie wir sind, das Meiste von der Familie als Geschenkzulage wieder. Das ist doch eine geniale Idee, die an Subtilität nicht zu überbieten ist.“

Dieser Gedankengang wird sich mit Sicherheit so oder so ähnlich abgespielt haben, da sind wir uns alle sicher. Denn Omma kann sich kaum noch bewegen, sitzt auf ihrer erst vor drei Jahren neu geschenkten, wunderschönen Holzbank auf der Veranda und guckt in den kleinen Garten, der nach acht Metern von einer 2 Meter hohen Mauer begrenzt wird. Wo bitteschön, soll da die Wuchtbrumme von Strandkorb hin? Na klar, in den 6.000 Quadratmeter großen Garten der Schwies hinter’m Haus.
So viel Dreistigkeit gepaart mit scheinheiligem Schwindel hat mich echt sprachlos werden lassen.

Aber es kommt noch besser:
Um eine kleine Pause während des Scannens einzulegen, habe ich mir den Staubsauger geschnappt und bin damit durch die Wohnung getobt, als plötzlich der Saft ausgeht. Männe hatte den Stecker gezogen, weil das Telefon erneut geklingelt hatte. Ich bekam in der lauter werdenden Stille nur noch mit „… sie ist schon mitten dabei. Da musst du schon selbst mit ihr sprechen.“ und bekomme das Telefon in die Hand gedrückt.
SM: „Ja, hallo. Ich habe mir überlegt, dass Omma das Gästebuch wahrscheinlich eh gar nicht richtig zu würdigen weiß und die anderen bestimmt auch nicht. Ich denke, es wäre besser, wenn du damit gar nicht erst anfängst und ihr uns lieber Geld für den Strandkorb gebt …“

Ich kürze die Farce an dieser Stelle ab. Ohne lange zu fackeln habe ich mühsam beherrscht zurück gegeben, dass wir kein Geld übrig haben – aus ihnen sehr wohl bekannten Gründen –, ich mit dem Buch schon fast fertig bin und den Teufel tun werde, damit aufzuhören, nur damit die beiden ihren abgefuckten Strandkorb bekommen. Nach längerem pikierten Schweigen hatte SM wohl eingesehen, dass sie mit ihrem plumpen Versuch, Geld einzutreiben, nicht durchgekommen war und ruderte widerwillig zurück, indem sie beleidigt ankündigte, den Kauf rückgängig zu machen.
Mein einziger Kommentar dazu: „Ja, B. Mach das. Das ist eine sehr gute Idee.“

Und so wird das kleine 800 Seelendorf mitten auf dem platten Land keine Touristenattraktion, in deren Mittelpunkt ein einsamer Strandkorb sein Dasein auf einer Rasenfläche fristen muss.
Das war meine gute Tat für diesen Montag.

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Über AnGarasu

Ich (E30) bin gelernte Pixelschubse für Printmedien und gleichzeitig Bastelqueen. Beides unter einen Hut zu bringen fällt mir manchmal schwer, da mich die ganzen freilaufenden Irren in meinem Leben echt wahnsinnig machen. Als Selbsttherapie schreibe ich deswegen die skurrilsten Geschichten in "Devil Inside" und do-it-yourselfe ziemlich grobmotorisch zum emotionalen Ausgleich in der "Bastelhölle". Das nenne ich Multi-Tasking – live und in Farbe … Zeige alle Beiträge von AnGarasu

One response to “An der Nordseeküste, am plattdeutschen Strand …

  • stadtkatze

    Schade. Eure Gegend hat so wenig zu bieten, da wäre ein kleiner Beitrag zur Dorfverschönerung ja wohl nur recht und billig gewesen… >:-)
    Hach!

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