Ruhig, Brauner …

Ich wurde schon als Hausdrache, Tsunami, Anti-Christ, Höllenbrut, eigenwillig, zickig, exzentrisch, morbid, skurril, misanthrop, abgefuckt und mit hundert anderer Nomen und Adjektive in meinem Leben tituliert. Macht mir alles nichts aus, einige davon haben sich sogar schon zum „Running Gag“ entwickelt, so wie Anti-Christ und Hausdrache. Beides sind sehr passende Bezeichnungen für mich, das kann jede/r/s bestätigen, der/die/das mich kennt, und eine davon wird später mit Sicherheit auf meinem Grabkreuz, -engel oder -drachen stehen.
Heute kam von meiner Schwägerin S. ein neues Wort hinzu, bei dem mir doch der Unterkiefer runter klappte und enge Freundschaft mit dem Boden schloss.
Stutenbissig.

Und das nur, weil S. nicht verstehen kann, dass ich mich vor knapp zehn Jahren tierisch über meine Schwiegermutter aufgeregt habe (und heute auch noch), als Männe Hodenkrebs hatte und sie u.a. sämtliche Koordination hinsichtlich der ärztlichen Behandlung an sich gerissen und mich komplett übergangen hatte. Da ich ja keine eigenen Kinder habe (Es lebe das Klischee!), könne ich ja gar nicht nachvollziehen, was in einer Mutter vorgeht, deren erwachsenes Kind so krank wird. Deswegen sei es ja ganz klar, dass meine Reaktion nur ein Konkurrenzverhalten gegen SchwieMu war.
Ergo bin ich stutenbissig. Ich.
Ok.
Jeder kann seine Meinung zu diesem Thema haben. Bin ja tolerant, was die Meinungsfreiheit angeht.
S. gegenüber ganz besonders, da sie ja auch schon hundert Mal in der gleichen Situation war und daraufhin genau weiß, was damals in mir vorgegangen ist, wie sich das anfühlt, wenn der Freund in einen mentalen Schockzustand fällt, für nichts mehr Verantwortung übernimmt, aus existenziell lähmender Angst heraus keine eigenen Entscheidungen mehr treffen kann und das gesamte gemeinsame Leben inkl. der katastrophalen Finanzen auf einer Frau Anfang 20 lastet, deren größtes Problem es bisher war, sich mit einem Ausbildungsbetrieb auseinander zu setzen, in dem sie todunglücklich ist.

Damals war ich Anfang 20, mitten im 3. Lehrjahr, kurz vor der Prüfung und gerade mit Männe in die zweite eigene Wohnung gezogen. Als Männe die Diagnose Hodenkrebs von der Assistenzärztin im Krankenhaus so sensibel wie mit einem Vorschlaghammer um die Ohren geknallt wurde, fing das schlimmste Jahr meines/unseres Lebens an.
Männe fiel in eine emotionale Starre, konnte sich kaum mit seiner Krankheit, der Behandlung und den Ärzten auseinander setzen und überließ alles mir – und seiner Mutter. Die innerhalb weniger Tage alle Verantwortung und Entscheidungsgewalt an sich riss und nicht wieder aus den Händen gab.

Während er tagelang im Krankenhaus lag, habe ich ihn jeden Abend nach Feierabend besucht, um ihn aufzumuntern. Bin immer hingefahren, ohne vorher anzurufen, denn, wo sollte er auch sein? An einem Nachmittag rief ich doch an, da ich länger arbeiten musste und mich verspäten würde. Männe meinte, ich bräuchte nicht mehr kommen, er würde heute entlassen. Seine Mutter hätte dafür gesorgt, dass er in einem besseren Krankenhaus in Hamburg weiter behandelt würde. Das hätte sie schon vor drei Tagen klar gemacht und morgen würde er dort hin fahren, um wochenlang zu bleiben.
Muss ich erwähnen, dass mir alles aus dem Gesicht gefallen ist?
Auf die Frage, warum sie mir davon nichts gesagt hat, erklärte sie, dass das alles erst morgens endgültig entschieden wurde und sie keine Zeit gehabt hätte, mir Bescheid zu geben. Klar, vor zehn Jahren gab es ja auch noch kein Telefon/Handy (hatten beide schon eines) und deswegen lässt man die Freundin ja auch nichtsahnend 30 km in ein Krankenhaus fahren, in dem ihr Freund schon gar nicht mehr liegt. Dass das Vorhaben schon drei Tage lang geplant war, unterschlägt man auch noch dabei, denn was bedeuten schon die 4 1/2 Jahre, die man mit dem Sohn bereits zusammen ist.

Am Abend gab es dann einen etwas unschönen Vorfall, bei dem ich meine wochenlang angestaute Angst, Wut, Frustration und einen Haufen anderer Emotionen halbwegs freien Lauf ließ und SchwieMu meine Meinung bezüglich dieser Entscheidung über meinen Kopf hinweg kund tat. Ich gebe zu, ich vergriff mich mit Sicherheit im Ton und habe Dinge gesagt, die ich mit klarem Kopf niemals sagen würde, aber wenn einem die Angst im Nacken sitzt, dass der Freund sterben könnte, er plötzlich ohne Vorwarnung 200 km weit weg verfrachtet wird, man ihn nicht mehr jeden Tag sehen kann und dann noch die letzte ist, die darüber informiert wird und es sowieso nur aus purem Zufall erfährt, dann kann man doch ziemlich schnell irrational reagieren. Finde ich jedenfalls.

Dass sich dieses Verhalten mir gegenüber die nächsten Monate noch fortsetzte sei nur am Rande erwähnt. So z. B. habe ich von den Ärzten trotz einer schriftlichen Einverständniserklärung seitens Männe keine unmittelbaren Auskünfte erhalten, sondern nur durch direkte Angehörige, sprich durch SchwieEltern. Und die gaben mir nur Bescheid, wenn ich explizit nachfragte.

Auch heute noch sind SchwieMu und ich immer anderer Meinung, was das Zusammenleben mit ihrem Sohn angeht, bei dem in ihren Augen übrigens „Alles schief gelaufen“ (sic!) sein muss, da er nicht zwei Mal die Woche anruft und von sich aus zum Helfen in Haus und Hof kommt. Da wir ja nicht verheiratet sind und keine Kinder haben, müssten wir doch so viel Zeit haben, um vier bis acht Mal im Monat zum Arbeitsdienst zu erscheinen. Sein glorreicher Bruder ist ja mit seiner eigenen Firma und den drei Kindern plus Frau viel zu gestresst, um alles alleine zu machen. Deswegen sei es ja auch unfair, wenn Männe die Hälfte des Erbes bekäme, wo er doch so wenig Interesse an seiner Familie und dem Haus bekundet und sein Bruder doch so viel mehr hilft. Da stehe ihm auch nur viel weniger zu. (Sic!)

Und ich liege im Konkurrenzkampf um Männe mit SchwieMu? Sicher …

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Über AnGarasu

Ich (E30) bin gelernte Pixelschubse für Printmedien und gleichzeitig Bastelqueen. Beides unter einen Hut zu bringen fällt mir manchmal schwer, da mich die ganzen freilaufenden Irren in meinem Leben echt wahnsinnig machen. Als Selbsttherapie schreibe ich deswegen die skurrilsten Geschichten in "Devil Inside" und do-it-yourselfe ziemlich grobmotorisch zum emotionalen Ausgleich in der "Bastelhölle". Das nenne ich Multi-Tasking – live und in Farbe … Zeige alle Beiträge von AnGarasu

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