Wahrnehmung

Den #Aufschrei habe ich erst nur am Rande wahrgenommen, da ich mich um unqualifizierte Äußerungen von männlichen Politiker und anderen Vollhonks schon lange nicht mehr kümmere. Doch als ich heute Vormittag diese drei Artikel las, fielen mir plötzlich selbst wieder unzählige Situationen ein, die ich erst als Mädchen und später als erwachsene Frau mehr oder weniger hilflos hinnahm.

Ich bin niemand, der als außergewöhnlich hübsch oder attraktiv zu bezeichnen ist. Auch als Kind oder Jugendliche, geschweige denn als Erwachsene, habe ich mich jemals „gut aussehend“ gefühlt und war es auch nicht. Stattdessen habe ich das mit auffälligem Aussehen als Goth und einer großen Klappe mit noch größerem Allgemeinwissen kompensiert. Kam mir jemand blöd, so kam ich ihm noch blöder. So einfach war das für mich.
Aber es gab Situationen, die im Nachhinein, doch sehr brenzlig waren und sehr schlimm hätten ausgehen können.

Das erste Mal, dass ich mich von einem Mann belästigt fühlte, war, als die Straße vor unserem Haus neu gemacht wurde und ich von einem der Straßenbauarbeiter auf meinem Heimweg quasi direkt vor der Haustür immer blöde angequatscht worden bin. Er hat mir sogar hinterher gepfiffen und mit seinen Kollegen anzügliche Witzchen gerissen. Da war ich zwölf.

Das zweite Mal wurde ich von einem Mitschüler, der wegen seiner aggressiven und gewaltätigen Art schon lange der gesamten Schule und des Lehrkörpers bekannt war, erst monatelang gemobbt und als ich irgendwann gar nicht mehr reagierte, bei einer Schulaufführung sogar am Oberkörper angefasst. Wir saßen in langen Stuhlreihen in den der Aula und er hinter mir, als er mit seiner Hand unter mein T-Shirt fuhr und anfing, mir den Rücken zu streicheln. Ich wurde schlagartig zu einer Eissäule. Da war ich sechzehn.

Das dritte Mal saß mit einer Klassenkameradin im kleinen Park direkt neben unserem Gymnasium und habe an diesem warmen Sommertag Hausaufgaben auf der Wiese gemacht. Ich hatte ein ärmelloses schwarzes Samtkleid, das mir bis zu den Knieen reichte, Netzstrümpfe und halbhohe Boots an. Keine zehn Meter entfernt von uns saß ein Mann mittleren Alters in sehr abgetragenen Klamotten auf einer Bank und beobachtete uns. Plötzlich stupste mich meine Freundin an und nickte stumm in seine Richtung. Seine rechte Hand hatte der Mann in die Hose geschoben und holte sich mit einem lüsternen Grinsen im Gesicht einen runter. Direkt vor uns und direkt neben der öffentlichen Schule am hellichten Vormittag. Da war ich siebzehn.

Das vierte Mal war ich im Zug direkt nach der Schule fürs Wochenende zu meinem Freund unterwegs (heute ist er „Männe“) und saß allein im Abteil. Da kam ein junger Mann rein, vielleicht 25 Jahre alt, und setzte sich mir gegenüber. Da ich gerade in einem Buch las, habe ich ihn nicht weiter beachtet. Erst als er drei Mal sehr platt versuchte, mich in ein Gespräch zu verwickeln, was ich jedes Mal sehr einsilbig und ablehnend versuchte abzuwürgen, habe ich ihm gesagt, ich wäre nicht interessiert und hätte schon einem Freund. Da legte er mir seine Hand aufs Bein, wollte sie weiter nach oben zu schieben und fragte, ob ich ihm einen blasen wolle. Ich stand schnell auf, verließ das Abteil und lief direkt dem Schaffner in die Arme, der den Göttern sei Dank, gerade im nächsten Abteil die Fahrkarten kontrollierte. Da war ich neunzehn.

Das fünfte Mal ging ich auf einem großen Volksfest allein an einen Bratwurststand und wollte eine Currywurst holen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich sehr lange und sehr rote Haare. Das veranlasste den jungen Mann hinter dem Tresen, nachdem ich seine blöden Anmachsprüche rigoros abgeschmettert hatte, zu der Aussage: „Bei Rothaarigen ist das genauso wie bei Häusern: rostiges Dach, feuchter Keller.“ Da war ich einundzwanzig.

 

An dieser Stelle beende ich das mal, denn jetzt bin ich vierunddreißig und könnte noch eine ganze Latte (hahaha) solcher Geschichten aufschreiben.

Manchmal habe ich den Verdacht, ich habe nur deshalb seit dem vierzig Kilo zugenommen, um mich vor solchen Situationen in Zukunft zu schützen.

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Über AnGarasu

Ich (E30) bin gelernte Pixelschubse für Printmedien und gleichzeitig Bastelqueen. Beides unter einen Hut zu bringen fällt mir manchmal schwer, da mich die ganzen freilaufenden Irren in meinem Leben echt wahnsinnig machen. Als Selbsttherapie schreibe ich deswegen die skurrilsten Geschichten in "Devil Inside" und do-it-yourselfe ziemlich grobmotorisch zum emotionalen Ausgleich in der "Bastelhölle". Das nenne ich Multi-Tasking – live und in Farbe … Zeige alle Beiträge von AnGarasu

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