Save the Children

Es gab ja die letzten Wochen einen Aufruf über das Thema „Erste Hilfe“, welcher durch Klein Bloggersdorf geisterte, an dem ich mich aber nicht beteiligt habe. Denn meine Geschichten sind einfach zu unspektakulär, als dass sie 1. jemanden interssierten oder 2. jemand etwas daraus lernen könnte, was er nicht auch schon durch gesunden Menschenverstand gewusst hätte.

Allerdings wurde ich am Gründonnerstag diesen Jahres Zeuge eines Vorfalls, welcher mich noch jahrelang verfolgen wird und ich den wenigen Lesern meines Blog auf keinen Fall vorenthalten möchte, da er mir doch recht lehrreich erscheint.

Mutter rettet ihre Kinder oder Der sterbende Schwan
Am späten Donnerstagabend vor Ostern kam es zu einem folgenschweren Unfall auf einem Haus-Vorhof in einem niedersächsischen Dorf nahe Bremen. Gegen 21.30 Uhr verließ die Verursacherin des Unfalls die Wohnung von Omma, welche ihren 93. Geburtstag gefeiert hatte und trug dabei zwei Babies auf dem Arm, da die dazugehörige Mutter sie mit rein mütterliche Strenge dazu aufgefordert hatte. Da deren Arme selbst von zwei, allerdings kleineren Kindern, besetzt war und sie nicht ein zweites Mal den überaus langen und beschwerlichen Weg von 20 fast ebenerigen Metern von Küche bis Auto gehen wollte, orderte sie die Hilfe der zufällig vorbei gehenden und bis dato völlig nichtsahnenden Frau. Der Mutter hinterher gehend und auf die fünf Treppenstufen zum Hof folgend, die aufgrund des nachmittäglichen und überraschend einsetzenden Schneesturms vereist waren, rutschte sie aufgrund der fehlenden Sicht durch die vor der Brust gehaltenen Babies und mangels adäquater Hofbeleuchtung auf der untersten Stufe aus, da sie meinte, bereits festen Boden erreicht zu haben. Reflexartig versuchte sie noch das Gleichgewicht zu bewahren, indem sie zu einem äußerst kunstvollen Trick griff: Sie stellte sich grazil auf die Außenkanten ihrer Füße und hielt die Babies wie die Brut des sterbenden Schwans vor sich in die Höhe, um sie heldenhaft vor dem drohenden Aufprall auf den Hof zu bewahren, indem sie sich selbst zuerst fallen lassen würde, um mit ihrem Körper eine weiche Landung für die Babies zu garantieren. Doch leider erwies sich dieser verzweifelte Rettungsversuch weder als clever noch als erfolgreich, denn es kam nachfolgend zu einem Unfall solcher Schwere, dass er noch auf Jahre hinaus in der so bewundernswert zusammenhaltenden Dorf- und Familiengemeinschaft weitreichende Folgen nach sich ziehen wird.

Statt wie geplant sich selbst zu opfern und zuerst zu fallen, warf die Frau stattdessen mit einer raumgreifenden Bewegung, die ihresgleichen nur bei Kugelstoßern im olympischen Training findet, die beiden unschuldigen Kinder im hohen Bogen von sich, kreischte wie ein zu Tode erschrockenes Kaninchen, als die beiden Füße den Außenkantenstand nur zwei Sekunden durchhielten und mit einem hässlichen Knacken aufgaben, ruderte hilflos mit den nun freien Armen und fiel Gesicht voran auf Kniee und Hände, bevor sie sich vom Schmerz überwältig auf den Rücken rollte, um sich auf dem mit Schnee bedeckten Boden für die nächsten Minuten niederzulassen.
Damit-war-der-Schwan-erlegt.
Die Babies, Tup und Per, allerdings kugelten vergnügt polternd über den Hof, drohten aber aus kindlichen Leichtsinn heraus selbstständig bis zur Straße zu rollen, die nur acht Meter weit entfernt von der Hofausfahrt verlief. Vom lauten Kreischen der Frau und dem verdächtig lauten Aufprallgeräusch ihrer Kinder alarmiert, fragte die Mutter heldenhaft den Kopf wendend: „Ist was passiert?“ und sprang sofort und beinah in Minutenschnelle herbei, nachdem sie ihre auf eigenem Arm befindlichen Kinder, Wa und Re, sorgfältig auf der Rückbank im Auto verstaut hatte, welches sie in ihrer Hektik beinahe noch nicht mal hatte aufschließen können. Dabei ignorierte sie mutig jegliche drohende Gefahr, wie über die Schwerverletzte unter sich zu stolpern, oder ihr auf die ausgebreiteten Hände zu treten, fragte im Vorbeihasten fürsorglich: „Hast du dir was getan?“ und lief dann ihren geliebten Babies hinterher, um sie vor dem sicheren Tod durch womögliches Überfahren zu bewahren, da sie sich der Straße bereits bis auf sieben Meter genähert hatten, bevor sie kreiselnd stehen geblieben waren.
Da die aus Bodennähe aufsteigende, aber völlig unartikulierte Antwort nur aus kaum verständlichen Schmerzenslauten und hysterischem Gekichere bestand, war es der Mutter natürlich unmöglich, die Schwere des Sturzes allein durch die nachfolgende Akkustik zu beurteilen. Außerdem veranlasste das erstickte Kichern der Gestürzten sie dazu, anzunehmen, es sei weiter nichts passiert und fordere sie geradezu auf, zuallererst die hilflosen Kinder zu retten und sie selbst nicht weiter zu beachten. Dementsprechend folgte die Mutter natürlich dem völlig selbstlosen Wunsch der darniederliegenden Frau und begann, sich sofort um ihre verbliebenen Kinder zu kümmern, welche sie liebevoll aufsammelte und zärtlich umarmend bis zum Auto trug, um sie neben ihre Geschwister zu setzen. Nachdem die Mutter sich vergewissert hatte, dass es den vieren gut ginge, schloss sie vorsorglich die Autotür und begab sich mit fliegenden Fahnen zu der Verletzten, um ihr endlich aus dem kalten Schnee heraus helfen zu können. Da jene es allerdings bereits aus eigener Kraft auf alle Viere geschafft hatte, gestaltetet sich die zweite Rettung innerhalb von zehn Minuten als sehr einfach. Dennoch blieb sie unglaubliche zwanzig Sekunden neben der Verunfallten stehen und sprach jener in mütterlicher Sorge gut zu, die ungeheuren Schmerzen, die sich aus den Knöcheln und der seitlichen Partie der Füße immer weiter auszudehnen begannen und ein schluchzerfreies Sprechen völlig unmöglich machten, zu ignorieren und bot an, sie tatsächlich den ganzen Weg von fünf Metern bis zu ihrem Auto zu geleiten. Doch dann erschien der Partner der Frau unerwarteter Weise ebenfalls auf dem Hof, erkannte das typische Schmerzlachen seiner Partnerin und flog elfengleich herbei, um sie liebevoll anzuherrschen „was um Hillen willen denn schon wieder passiert sei“, „ob sie sich schon wieder auf die Fresse gelegt hätte“ und „ob es denn jetzt wirklich so schlimm sei, dass sie nun keinen Schritt mehr gehen könne, ohne laut zu schreinen oder leise zu wimmern“. Diesen partnerschaftlichen Dialog bestehend aus zärtlichen Vorwürfen und besorgtem Anraunzen – international auch bekannt als „World-Best-Cure“ von akuten Verletzungen bei Frauen aller Länder – und dem erfolgreichen Einsetzen der Spontanheilung, natürlich begleitet von gepresstem Stöhnen und herzlichem Schluchzen, nahm die heldenhafte Mutter zum Anlass, sich fröhlich pfeifend aus dem Staub zu machen und die Verletzte wohlgemut ihrem Schicksal bzw. ihrem Partner mit seinen heilenden männlichen Kräften zu überlassen und mit ihren Kindern gen Heimat davon zu fahren, um sie für den Rest der Nacht wieder in ihren Schubladen zu verstauen, wo ihnen für heute kein Leid mehr widerfahren konnte.

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Über AnGarasu

Ich (E30) bin gelernte Pixelschubse für Printmedien und gleichzeitig Bastelqueen. Beides unter einen Hut zu bringen fällt mir manchmal schwer, da mich die ganzen freilaufenden Irren in meinem Leben echt wahnsinnig machen. Als Selbsttherapie schreibe ich deswegen die skurrilsten Geschichten in "Devil Inside" und do-it-yourselfe ziemlich grobmotorisch zum emotionalen Ausgleich in der "Bastelhölle". Das nenne ich Multi-Tasking – live und in Farbe … Zeige alle Beiträge von AnGarasu

2 responses to “Save the Children

    • AnGarasu

      Genau das dachte ich auch, als ich Karfreitag drei Stunden im Krankenhaus mit Verdacht auf Trümmerbruch im linken Fuß verbrachte und dabei eine sadistische Krankenschwester traf, die mir beim Röntgen den Fuß so brutal noch oben drückten, dass man mich noch zwei Stockwerke weiter brüllen hören konnte.

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