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Ich hätte nie gedacht, dass es Momente geben könnte, da selbst ich als überzeugte Agnostikerin in die Knie gehen und laut schluchzend jeder sich dafür zuständig fühlender Gottheit Schrägstreich dem allmächtigen Univserum danken könnte.

Es ist ein bekannter Running Gag in unserem Freundeskreis, dass Männe mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit niemals eines natürlichen Todes sterben wird, sondern bei einem Motorradunfall. Er als passionierter Raser recht hurtig unterwegs seiender – unabhängig vom Gefährt, selbst mit dem Fahrrad ist er schon geblitzt worden –, aber dennoch extrem vorausschauender Fahrer unterliegt schon allein aufgrund der Natur der Sache einem größeren Risiko als durch die vom Blechpanzer geschützten Autofahrer.
Wir alle wissen, dass er nicht aus gedankenloser Leichtsinnigkeit oder schlichter Selbstüberschätzung über den Jordan gehen wird, sondern, dass jemand oder etwas anderes daran Schuld tragen wird, zumindest den größeren Teil davon. Ein unachtsamer Autofahrer vielleicht, der Männes Licht-Geschwindkeit unterschätzt, oder ein lebensmüdes Reh, das ihm in den Orbit hüpft. Wer weiß das schon so genau?
Aber eines weiß ich: Wenn es soweit sein sollte – so die kranke Vorstellung in meinem Kopf –, klingelt es eines Tages einfach an der Tür und die Polizei kann mir nur noch seinen Helm zurück bringen.
Einige mögen das nun morbiden Fatalismus nennen. Ich nenne es vorauseilenden Selbstschutz, weil mich die Angst um ihn sonst irgendwann wahnsinnig machen würde. Und wie bezahlt sich das jahrelange Vorbereiten auf das Unausweichliche macht, durfte ich am Freitag erfahren …

Mittags fuhr ich nichtsahnend und mit außergewöhnlich guter Laune gesegnet – was mich eigentlich schon gleich misstrauisch hätte machen sollen – nach der Arbeit auf den Hof. Während ich noch den Rest des Liedes lauthals mitsang und den Motor ausstellte, sah ich im Rückspiegel wie sich einer unserer Nachbarn meinem Auto näherte. Da es der geistig leicht zurückgebliebende, aber sehr nette Namensvetter von Männe war und er respektvollen Abstand hielt, sah ich mich nicht dazu veranlasst, mich zu beeilen, sondern sammelte meinen Kram zusammen, zog den Schlüssel ab und stieg gemächlich aus.
Das gab Namensvetter das Signal näher zutreten und neugierig wie er immer ist, zu fragen, wie ich denn her gekommen sei.
Jedem anderen hätte ich bei dieser blöden Frage ins Messer laufen lassen und geantwortet: „Mit meinem Drachen.“ Aber er versteht weder Ironie noch Sarkasmus besonders gut und das hätte nur zu wortreichen Erklärungen und damit zwangsläufig zur Ermordung der Pointe geführt. Hatte ich gerade aber keinen Bock drauf.
Deswegen erwidere ich einfach: „Ganz normal mit dem Auto, wie du siehst.“
Er winkt ab. „Ja, nee, das sehe ich. Ich meine, welchen Weg?“
Ich seufze ergeben. „Den normalen.“
Er reißt die Augen auf. „Achso? Ist die Kreuzung nicht mehr gesperrt?“
„Nein,“ sage ich gedehnt und ignoriere das beginndende Prickeln in meinem Nacken. „Wieso gesperrt? Welche denn?“ Vage wedele ich mit dem Handy in der Hand die Straße rauf. „Die hier oben?“
Er schüttelt den Kopf. „Nein, die von der Landstraße hier. Heute morgen ist ein Motorrad in einen Sattelschlepper gerast. Alles war stundenlang gesperrt.“
Neinbittenicht …
Mir werden schlagartig die Knie weich und ich muss mich am Auto abstützen. Schreckliche Vorahnung tippen mir von hinten auf die Schulter und kichern mir hämisch ins Ohr. Hätteste mal nicht so gute Laue gehabt. Das rächt sich doch jedes Mal aufs Neue. Durch das immer lauter werdende schrille Kreischen höre ich mich nur noch ächzen: „Ein Motorrad? Wer denn? Männe? War das Männe?“
Kopfschütteln und Entrüstung seinerseits. „Das weiß ich doch nicht! Hab ihn nicht nach Hause kommen sehen. Ich weiß nur, dass da heute früh ein Motorradfahrer gegen den Schlepper geprallt ist.“
NEIN!OhGottbittenichtbittenicht …
Keine Zeit weiter nachzudenken.
Ich drehe mich um und haste ins Haus. Kriege dann kaum den Schlüssel ins Schloss und pralle auch noch fast gegen die Tür, weil sie nicht schnell genug aufgeht. Das erste, was meine Augen im stillen und dunklen Flur und Wohnzimmer suchen, sind Männes Helm und Lederjacke. Beides finde ich nicht. Auch nicht sein Handy und Portemonnaie. Ein kleiner Teil meines Verstandes erninnert sich flüchtig: Er muss ausnahmsweise auch diese Nacht arbeiten und deswegen wahrscheinlich noch bzw. schon schlafen. Wahrscheinlich sind seine Sachen noch draußen. Oder im Büro. Oder, da wo ich sie nicht sofort finde. Doch das Adrenalin behält einfach die Oberhand und überspült mich mit Panik.
Ich merke, wie ich der Ohnmacht immer näher komme und krieche – immer noch mit Schlüssel, Handy und Rucksack in der Hand – fast auf den Knien zum Schlafzimmer …
… bittebittebitteseida …
… greife mit zitternder Hand nach der Kllinke …
… bittebittebitteseida …
… öffne die Tür und …
…da liegt er friedlich schnarchend im Bett und pennt selig. Arschloch.
OHGOTT!Gottseidank! Er lebt noch.
Pennt selig, während ich gerade tausend Tode gstorben bin.
Gottseidank! Er war es nicht.
Er hatte keinen Unfall.
Gottseidank!  Es hat jemand anderen getroffen.
Dafür wird er später für bezahlen müssen, einfach seelenruhig zu schlafen, während ich …
Gottseidank!
Aber es tut mir mit einem Schlag Leid für die andere Familie, der es jetzt so geht, wie mir in den letzten und  längsten 10 Sekuden meines Lebens.

Leise schließe ich die Tür hinter mir, setze mich im Wohnzimmer aufs Sofa und fange an zu weinen.

 


Später werde ich lesen, dass der 35jährige Motorradfahrer am Ende der 70er -Zone ordentlich Gas gegeben hat, um eine landwirtschaftliche Giftspritze zu überholen. Dass diese soeben auf eines der Felder am Straßenrand abbiegen wollte, übersah er dabei. Weil er nicht darauf geachtete hatte, oder weil der Bauer wie so viele andere hier in der Region einfach nicht geblinkt hat … man wird es nicht mehr erfahren. Er starb trotz des gerufenen Helikopters noch an der Unfallstelle.
Meine Gedanken sind bei seiner Familie.

Den Helm hätte die Polizei auch zu mir bringen können.

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Über AnGarasu

Ich (E30) bin gelernte Pixelschubse für Printmedien und gleichzeitig Bastelqueen. Beides unter einen Hut zu bringen fällt mir manchmal schwer, da mich die ganzen freilaufenden Irren in meinem Leben echt wahnsinnig machen. Als Selbsttherapie schreibe ich deswegen die skurrilsten Geschichten in "Devil Inside" und do-it-yourselfe ziemlich grobmotorisch zum emotionalen Ausgleich in der "Bastelhölle". Das nenne ich Multi-Tasking – live und in Farbe … Zeige alle Beiträge von AnGarasu

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