Kinder des Wahnsinns

Die Vorgeschichte

Wer mich kennt,– und das sind nicht sehr viele, das gebe ich sehr gerne zu – weiß, dass ich kein großer Kinderfreund bin. Also kein Freund von mir völlig fremden Kindern. Meine Neffen sind eigentlich ganz ok, auch wenn beide manchnmal ganz schöne Arschgeigenlöcher sein können, aber damit kann ich um. Ich gehe im Falle des Falles dann einfach nach Hause und lassen die ausflippenden Chaoten bei ihren genervten Eltern. Diese Möglichkeit dem Kinderstress zu entgehen ist meiner Meinung nach einfach unbezahlbar. Und aus diesem (Haupt-)Grund (von vielen anderen mal abgesehene) habe/n ich/wir nämlich keine Kinder. Ich wäre einfach eine schlechte Mutter, weil ich weiß, dass ich meine Bedürfnisse nicht kindgerecht zurückstellen könnte. Darum ist es einfach für alle (potenziell) Beteiligten besser, ich bleibe kinderlos.

Aber: Das bedeutet nicht, dass ich Kinder generell hasse.
Ich hasse derzeit ganz konkret nur eines. Nämlich das zweite Kind der neuen Nachbarn zwei Wohnungen neben uns – und ich werde echt noch irre dabei.


 

Aber von vorne.
Im Mai ist eine neue Familie mit zwei Kindern, (6 und 1,5 Jahre) in die 4-Zimmer-Wohnung an der rechten Ecke des 6-Parteien-Hauses in unserem ruhigen und beschaulichen Dorf eingezogen. So weit so harmlos.
Nur muss man dazu wissen, dass da nur ein ca. 30qm großer Garten dran hängt, der von zwei Seiten direkt mit langen Hauswänden und von den anderen Seiten mit einer Sichtschutzwand zum Nachbargarten und einer Gruppe großer Eichen begrenzt ist. Drei Parteien wohnen unten, drei oben. Auf Grund der Lage des Nachbarhauses mit seinen Stallgebäuden gegenüber befinden sich die drei Gärten der Wohnungen alle im gleichen Schallkessel. Dieser Umstand führt zu einem Phänomen, aufgrund dessen man auch noch normale Unterhalungen und Geräusche nebenan sehr deutlich hören kann. Daran sind wir aber seit Jahren gewöhnt und verhalten uns dementsprechend auch relativ ruhig, wenn wir im Garten sind, um die Nachbarn nicht mit unserem Kram zu belästigen. Das hat die letzten 12 Jahre auch wunderbar mit allen Nachbarn mehr oder manchmals auch weniger gut funktioniert. (Bis auf den einen Pisser über uns mal abgsehen, aber der regt sich ja auch schon über nächtliches Husten auf, wenn man mal erkältet ist.)

Wir wohnen in der linken Ecke des Hauses seit nunmehr 13 Jahren. Bis jetzt haben wir meistens eine himmlische Ruhe genießen dürfen, die nur gelegentlich von leicht ausufernden Parties der im Anfang Januar ausgezogenen Bagaluten und nächtlichen Terassenbauarbeiten des mittleren Nachbarn unterbrochen wurde. Hat zwar auch genervt, war aber immer noch auszuhalten.

Doch jetzt ist die wahre Hölle über uns herein gebrochen. Die Hölle in Form des hochfrequenten Kommunikationorganes des zweiten Nachbarkindes – nennen wir es der Einfachheithalber Kreisch-Kind und abgekürzt „KK“.

Denn KK kreischt. Und es kreischt richtig! Den ganzen Tag. Hochfrequent und anhaltend.
Und damit meine ich nicht das übliche Lautwerden eines gesunden Kindes, oder das frenetische Schreien und kraftvolle Brüllen beim normalen Spielen. Neiiin, mitnichten! Es KREIIIIIIIIIIIIIIISCHT! Und es KREIIIIIIIIIISCHT nur. Egal bei was. Es kann, glaube ich, gar nicht anders kommunizieren.

Wenn es spielt, dann kreiiischt es. Wenn es sich weh getan hat; es kreiiischt. Wenn es bockig ist, wird gekreiiischt. Wenn es begeistert ist: lautes kreiiischen.

AIIIIIIIAAAAAAIIIII! HAAAAIIIIIII! AAAAAAAAHHHHH! JIIIIIIIIIIII! NAIIIIIIINNNN! WAAAAAAAHHHHHHHIIIIIIIIII! MÄÄÄÄÄÄÄIIIIIIIHHHH! WIIIIIIIIIAAAAAAAAIIIIIII!

Den ganzen Tag. Jeden Morgen, Vormittag, über Mittag, nachmittags, abends beim Fernsehen. Selbst am Wochenden und Feiertagen, wenn die Familie meint, um 7.30 Uhr draußen frühstücken zu müssen, holt es mich damit aus dem Bett, weil ich das Fenster zu machen muss. Dabei haben wir einen großen Standventilator nachts laufen, der direkt neben dem Bett steht und durch sein gleichmäßiges Brummen andere Geräusche übertönt bzw. rausfiltert. Aber das Kreiiischen ist selbst für ihn zu viel.

Die letzten Monate waren die Blagen mit ihren Eltern, die sich übrigens immer so laut unterhalten, als gebe es keine anderen Menschen auf der Welt, entweder ständig draußen im Garten oder hatten wenigstens die Terrassentür auf, damit wir auch bei Regen die Dauerbeschallung direkt aus der Wohnung mitkriegen können. Damit meine ich j-e-d-e-s Wort, das gesprochen wird.
Da wir ebenfalls Frischluft-Fans sind, steht bei uns auch sehr oft die Tür zum Garten offen. Doch dieses Jahr habe ich sie mehr zuknallen müssen als alles andere, um wenigstens in Ruhe telefonieren oder gar fernsehen zu können.

Das große Kind ist begeisterter Fußballfan. Am liebsten tritt es die Bälle stundenlang gegen die Wand des gegenüberliegenden Hause. Gerne am Wochenende in der Mittagspause. Oder schießt die Bälle zu den Nachbarn rüber und läuft dann ungefragt in fremden Gärten rum, um sie zurück zu holen, nur um sie 5 Minuten später wieder dort hin zu schießen.

Die Mutter brüllt auch ganz oft. Meistens den Namen des jüngsten Kindes, weil es nicht hören will und ständig wegläuft, oder Sachen macht, die es nicht soll.

JOOONASS! NEIN! JOOONASS! JOOONASS! NEIN! KOMM HER! HÖRST DU NICHT?! DU SOLLST HER KOMMEN! JOOONASS!
NAAAAIIIIIIINNNNNN! AIIIIIIIAAAAAAIIIII! HAAAAIIIIIII! AAAAAAAAHHHHH! JIIIIIIIIIIII!
JOOONASS!
NAAAAIIIIIIINNNNNN!

Ich denke, so 30, 40 Mal am Tag kommt schon ganz gut hin, dass wir das hören müssen. Dieser Name löst bei mir und Männe inzwischen schon richtig Hassgefühle aus.

Gestern waren Muttern und mein Bruder zum Kaffeetrinken hier. Und da wir 22 Grad hatten, haben wir draußen auf unserer neuen Terrasse gesessen. Und es herrschte himmlische Ruhe. Weil KK samt Familie nicht nicht war. Herr-lich!
Als wir zum Romméspielen übergegangen sind, kam KK leider wieder und hat auch sofort das beste Beispiel geliefert, warum Männe und ich unseren Garten, in den wir dieses Jahr über 1.000 Euro gesteckt haben, erst 4 Mal den ganzen Tag in Ruhe nutzen konnten. Muttern war so entsetzt und genervt, weil wir unser eigenes Wort kaum verstehen konnten, dass sie nach 15 Minuten „RUUUHEEE!“ gebrüllt hat. Natürlich absolut fruchtlos. (Nein, kein Rechtschreibfehler.) Das Kreiiischen und laute Unterhalten ging genauso weiter wie vorher. Weil: Die hatten da drüben auch noch Besuch mit ebenso lauten Kindern.

NAAAAIIIIIIINNNNNN! AIIIIIIIAAAAAAIIIII! HAAAAIIIIIII! AAAAAAAAHHHHH! JIIIIIIIIIIII! JAAAAAAIIIII!
JOOONASS! KOMM HER!
NAAAAIIIIIIINNNNNN!
JOOONASS!

 

Selbst ein startender Jet ist leiser.

 

Ich fürchte, wir werden wohl bald umziehen müssen. Am Besten bevor ich auf der Titelseite der BLÖD lande.

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Über AnGarasu

Ich (E30) bin gelernte Pixelschubse für Printmedien und gleichzeitig Bastelqueen. Beides unter einen Hut zu bringen fällt mir manchmal schwer, da mich die ganzen freilaufenden Irren in meinem Leben echt wahnsinnig machen. Als Selbsttherapie schreibe ich deswegen die skurrilsten Geschichten in "Devil Inside" und do-it-yourselfe ziemlich grobmotorisch zum emotionalen Ausgleich in der "Bastelhölle". Das nenne ich Multi-Tasking – live und in Farbe … Zeige alle Beiträge von AnGarasu

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