Alle, die mich hassen

Ich hatte am Mittwochmorgen einen Traum.


Ich war beim Schnacker der Firma eingeladen, um mir seinen Garten anzusehen, von dem er so lange erzählt hatte und ihn nun mit einer Grillfeier einweihen wollte. Ich ging durch sein Haus, öffnete die Holztür nach draußen und stand plötzlich mitten unter einem Vordach, den Blick über eine riesige Grasfläche schweifend. Und da waren sie. Alle.
Hunderte Augen, die mich angewidert anstarren.
Augen von Menschen, die mir in meinem Leben Böses getan hatten und die mich hassten.
„Warum sind die hier?“ frage ich wie erstarrt.
„Die wollten alle von sich aus unbedingt kommen“, sagt er.
„Aber die hassen mich alle!“
„Warum?“
„Weil ich nicht liebenswert bin. Die meisten Menschen mögen mich von Natur aus nicht“, antworte ich und drehe mich um, um diesen Ort des Grauens sofort wieder zu verlassen.
Da spricht mich eine Frau von der Seite an, in der ich ein ein paar Jahre älteres Mädchen wiedererkenne, das in meinem Heimatdorf ein paar Straßen weiter gewohnt hatte und mit dem mit der ich eigentlich nichts persönliches zu schaffen hatte. Ihre Nachbarin war eine Schulkameradin, die ich manchmal zum Spielen besucht hatte. Ich wusste aber, sie mochte mich schon damals nicht, weil sie mir immer Schläge über die Gartenmauer hinweg androhte, wenn ich nochmal an ihrem Haus vorbeigehe. Einmal habe ich im Dunkeln fast eine halbe Stunde an der Grundstücksgrenze gestanden, ohne mich zu trauen, an ihrem Haus vorbei meinen Heimweg anzutreten, weil ich mich ein paar Tage zuvor bereits erdreistet hatte, den Bürgersteig vor ihrem Haus zu benutzen und sie ihre Drohung wahr gemacht hatte.
„Nein“, sagt sie. „Das stimmt so nicht. Wir hassen dich nicht von naturaus. Wie kommst du darauf? Wir hassen dich, weil du fett, hässlich und blöd bist.“


Dieser Satz hallte mir noch in den Ohren nach, als just in diesem Augenblick der Wecker klingelte. Er hat mich den ganzen Tag nicht wieder losgelassen, aber ich konnte die aufkeimenden Erinnerungen wieder in die Tiefen verbannen, in die ich sie bereits vor Jahren einbetoniert hatte – klein, dick und blöd waren sie dort verreckt. Nun habe ich ein anderes Leben, einen Job (der mich derzeit zwar voll ankotzt, aber was soll’s), einen Mann, ein schönes Heim, 2 Katzen und einen Garten und vor allem meine BF mit ihrer FF.
Alles war super.

Bis ich heute morgen diesen Artikel las und postwendend wieder auf dem Schulhof stand:

  • 9 Jahre alt und mit blutender Hand. Jemand hatte sie mir mit Absicht und großer Wucht in der Toilettentür einklemmt und damit fast den Zeigefinger zerquetscht. Die Lehrer waren hilflos, weil ich mich nicht traute, diejenigen zu verpetzen.

 

  • Bereits mit 5 Jahren schlugen mich zwei ältere Mädchen im Kindergarten mit Tannenzweigen ins Gesicht, weil ich ihnen draußen beim Spielen aus Versehen in die Quere geraten bin.

 

  • Mit 6 verteidigte ich einen gleichaltrigen türkischen Jungen vor seinen beiden 8jährigen Peinigern, nur um hinterher als Dank von ihm ins Gesicht gespuckt und getreten zu werden, weil ich als Mädchen seine Ehre verletzt hatte. Ich wusste nicht, was ich falsch gemacht hatte.

 

  • In der Grundschule wurde ich nur vier Mal zu Geburtstagsfeiern eingeladen. Zu meinen sind die meisten nicht gekommen, obwohl sie zugesagt hatten. Einmal kamen nur zwei von zwölf. Niemand anderes gratulierte mir. Ich lud bald daraufhin niemanden mehr ein.
    Stattdessen kamen während der 6. Klasse einmal überraschend vier Schulkameraden zum Feiern, von denen ich es nie erwartet hätte und es wurde ein sehr lustiger Abend.  Als ich am nächsten Tag einen von den 4 Überraschungsgästen anrief, um zu fragen, ob wir alle zusammen abhängen wollen, ließ er sich verleugnen und sprach seitdem kein Wort mehr mit mir. Die anderen auch nicht.

 

  • Ich hatte in der 5. eine richtig gute Freundin gefunden, mit der ich viel Spaß hatte. Andere Mädchen wollten sie immer dazu bewegen, die Freundschaft mit mir aufzugeben. Meine Freundin musste während der 8. Klasse wegziehen und unsere Freundschaft zerbrach irgendwann aufgrund der Entfernung und zwangsläufigen Entfremdung.

 

  • Ein anderes Mädchen war seit der Grunschule lose mit mir befreundet, weil ihre Eltern es als christliche Pflicht ansahen. Das passende Gespräch dazu habe ich ein paar Jahre später mal zufällig mitbekommen, als ich vom Klo wiederkam und die Eltern darüber sprachen, wie schwer ich es doch hätte, Freunde zu finden, und ihre Tochter mich auch nicht sonderlich mochte. Ich bin nie wieder hingegangen. Ich habe mich so geschämt.

 

  • Zwischen 7 und 15 befreite ich unzählige Male meinen Klassenkameraden C. aus dem Keller, in den ihn seine Mutter und die Großeltern nach den Prügeln sperrten, nur um die ganzen Jahre immer mal wieder von ihm beleidigt, getreten und belogen zu werden. Trotzdem fuhr ich jeden zweiten Tag mit dem Fahhrad hin, um nachzusehen, ob er wieder eingeperrt war und ließ ihn raus, nur um danach schnell wieder nach Hause zu fahren. Trotzdem verbrachte er 2 Mal Heiligabend und Sylvester bei uns, weil ich ihn aus Mitleid dazu einlud. Seine Mutter war, glaube ich, wirklich erleichtert, ihn nicht Zuhause ertragen müssen und so an ihren Ex-Mann erinnert zu werden, der sie in einer Nacht- und Nebel-Aktion ins Ausland verlassen hatte und dem C. so ähnlich sah.
    Als er nach vielen rüpelhaften Eskapen mit 7 oder 8 mal mein neues und teures Radiergummi aufaß, schaltete sich die Lehrerin ein und bestellte mich, meine Mutter, Christian und seine Mutter in die Schule. Nachdem sie erklärt hatte, was er alles angestellt und seine Mutter ihn drohend ansah, riss er sofort schützend die Arme vor seinen Kopf und schrie panisch: „Nicht schlagen, bitte nicht schlagen!“ Ab da wusste selbst ich als 7jährige, was ihm Zuhause regelmäßig widerfuhr. Das ganze Dorf wusste es. Es wusste, dass die Mutter von ihrem Vater jahrelang geschlagen und eingesperrt worden war, jetzt immer noch dort wohnte, und sich das Ganze bei ihrem Sohn wiederholte. Durch sie, durch ihren Vater, durch seinen älteren Bruder. Und das ganze Dorf wusste es. Aber niemand tat etwas. Auch meine Mutter nicht. Sie macht sich deswegen heute noch Vorwürfe.

 

  • Ständig wurde bei meinem Fahrrad die Luft abgelassen, von einer „Gang“, die aus Gleichaltrigen bestand, unter der Führung des fettesten Jungen des Dorfes. Gegen den war ich schlank. Aber leider nicht so schlagkräftig wie er. Er hat mich regelrecht als Lieblingsopfer tyrannisiert, weil ich nie kleinbei gegeben habe. Ich hatte wirklich eine große Klappe.

 

  • Seit der Orientierungsstufe musste ich dann bis zum Abi mein Fahrrad bei dem misshandelten Freund hinterm Haus abstellen und den restlichen Kilometer zur Bushaltestelle laufen, weil sonst immer die Reifen platt und die Luftpumpe weg war.

 

  • Als ich in der 8. Klasse einmal eine 1 im Englisch-Vokabeltest bekam, wurde ich von Lehrerin vor den anderen Schülern aufgefordert, allen in der Klasse bei den Hausaufgaben zu helfen. Zum Dank wurde ich als Streberin betitelt und kollektiv gemieden.

 

  • Nachdem die Mauer gefallen war, kamen die ersten „Zonies“, wie wir sie flapsig nannten, in unsere Gegend und Schule. In der 8. lernte ich P. kennen. Sie war unglaublich mager. Heute wäre sie wahrscheinlich allein wegen ihrer Figur Topmodel geworden. Damals hatte meine Mutter Angst, sie würde verhungern und bat mich, sie doch öfter mal mitzubringen, damit sie ordentlich zu essen bekam. Das tat ich sehr gerne, weil sie danach oft zu uns kam und wir viel miteinander unternahmen. Sie hatte einen unglaublichen Hunger auf Bananen und verbrachte auch mal Sylvester bei uns, verschlief aber leider alles. Sie lehrte mich die Kinderlieder, die drüben gesungen wurden und wir sangen sie oft zusammen. Als ich sie das erste Mal besuchte, stand ein nagelneuer Audi 80 vor ihrem Haus. Den hatten sie angeblich von der deutschen Regierung als Willkommensgeschenk bekommen. Der Vater sagte später, er wolle unbedingt einen Audi 100 haben, der 80er wäre doch nur Schrott. Ich fühlte mich damals unglaublich abgestoßen von dieser – aus meiner kindlichen Sicht – undankbaren und arroganten Einstellung. Die haben alles in den Arsch gesteckt bekommen: Wohnung, Job, Auto, Klamotten, Geld. Meine Mutter war hingegen alleinerziehend, 12 Stunden am Tag arbeiten und fuhr in der Zeit nur einen kleinen, klapprigen Toyota. Was würde er wohl über den gedacht haben? Trotzdem war ich unglaublich neidisch auf diesen Audi 80. Als dann ein Jahr später tatsächlich der Audi 100 kam, zog die Familie Hals über Kopf weg aus dieser „schäbigen“ Siedlung in ein anderes, schickeres Dorf und P. ging auf eine andere Schule. Sie hat sich danach nie wieder bei mir gemeldet. Noch nicht mal um mir ihre neue Telefonnumer zu geben.

 

  • In der 8. bin ich mal während der Pause durch die Aula gegangen, vorbei an einer Gruppe Zehntklässler. Der als Rowdy und ganzer Kerl verschriene H. hatte eine Stofftüte mit einer leeren Glasflasche in der Hand und schlechte Laune, weil er Ärger mit einem Lehrer oder sonstwem hatte. Da ich ihn ein paar Tage zuvor angeblich mal blöde angegrinst hatte, war ich nun der perfekte Sandsack für seinen Frust. Mit dem Spruch „Boah, deine Fresse kann ich jetzt ja gar nicht ab.“ holte er aus und schlug mir mit dem Beutel auf den Kopf. Er bekam Dank seines einflussreichen Vaters noch nicht mal einen Schulverweis, obwohl meine Mutter alles dafür tat, nachdem sie den Grund für meine Gehirnerschütterung erfuhr.

 

  • Zwei weitere „Zonies“ kamen Ende der 8. Klasse zu uns: M.S. und noch einer, dessen Namen ich nicht mehr weiß. Das Arschloch M.K. kam dann in der 9. aus einer Parallelklasse. Die dortige Lehrerin kam mit ihm nicht mehr zurecht und so wurde er zu unserem Lehrer gesteckt, da er sehr streng war und auf strickte Disziplin achtete. M.K. erkor mich als neues Opfer aus, weil ich mir seine Frechheiten nicht gefallen ließ. M.S. machte sofort mit. 2 Jahre lang war ich danach der verbale Prügelknabe der beiden. Es ging schließlich soweit, dass M.K. mich während einer Schulaufführung im Publikum öffentlich unter meinem T-Shirt am BH betaschte. Ich war wie erstarrt, versuchte aber, mir nichts anmerken zu lassen. Cool bleiben war alles, was mir noch geblieben war. Nach außen hin war ich wie Titan. In dieser Zeit hatte ich meine 2. echte Freundin, M., die ein Mitopfer war, da sie so war wie ich und auch in meine Klasse ging. Zuhause lief es bei ihr auch nicht gut – sie war adoptiert, wusste es und die Eltern waren seit Jahren extrem lieblos zueinander und auch ihr. Mit 11 hatte sie ihren ersten Freund, der mit ihr auch gleich ins Bett ging. Seitdem war sie nie wieder ohne Kerl. Immer wenn sie mal wieder verlassen wurde, war ich für sie da. Zusammen hielten wir dieses systematische Mobbing aus und bauten uns gegenweitig wieder auf. Wir entwickelten sogar einen Plan, um uns aus dieser Falle zu befreien, indem wir spontan einen Elternabend sprengten und allen erzählten, was uns die ganze Zeit angetan wurde. Gebracht hat es nichts. Es wurden keinerlei Konsequenzen seitens der Lehrer oder Eltern gezogen. Es wurde uns später nur von dem Lehrer geraten, die beiden eben nicht zu provozieren, dann würde das schon irgendwann aufhören. Hat es nicht. Trotz allem war ich eine gute Schülerin. Ich hatte ja auch fast keine Ablenkungen wie Freunde oder Spaß, die mich vom Lernen hätten abhalten können. Vor ca. 7 Jahren antwortete dann M. von heute auf morgen nicht mehr auf meine Anrufe und SMS, machte auch die Tür nicht mehr auf, obwohl ich sie drinnen im Haus tuscheln hören konnte. Ich weiß bis heute nicht, warum sie die Freundschaft beendete, nachdem wir gemeinsam so viel durchgestanden hatten.

 

  • Der nächste „Zonie“ war N. Sie zog in der 9. in das Haus neben meinem misshandelten Klassenkameraden C. ein. Sie war noch dicker als ich, aber auch viel hübscher. Sie wurde schnell beliebt. Auch bei meinen Schulkameraden. Ab da war ich auch bei C. abgemeldet. Lange habe ich versucht, die Freundschaft zu beiden aufrecht zu erhalten, aber N. hat uns immer gegeneinander ausgespielt und Lügen erzählt, damit er sauer auf mich wurde. Er hat es jedes Mal geglaubt. Er war in sie verliebt und sie wusste es. Obwohl sie ihn nicht liebte und ihn wie ein Schoßhündchen behandelte, folgte er ihr genau wie eines überall hin. Sie nannte ihn „Rehlein“, weil er sehr grazil gebaut war und die Angewohnheit hatte, zuerst wie ein Reh zu springen, wenn er begann wegzulaufen. Als er auf ihr Geheiß zu mir kam, um mich zu verarschen, ich aber den Braten roch und ihn auflaufen ließ, trat er mich mit voller Wucht gegen mein Brustbein und brach mir fast die Rippen. Ich kämpfte danach nicht mehr um seine „Freundschaft“. N. wurde mit 17 schwanger, brach ihre Lehre als Einzelhandelskauffrau ab und heiratete. Nicht C. Sie hat einmal versucht, Kontakt mit mir aufzunehmen, um über die guten alten Zeiten reden. Ich habe wortlos aufgelegt.

 

  • In der 10. wurde ich überraschenderweise als Klassensprecherin gewählt, nur um meine Aufgaben/Bemühungen/Initiative später kollektiv zu ignorieren/lächerlich und kaputt zumachen und mich öffentlich zu demütigen, weil außer meiner Freundin M. niemand hinter mir stand, als es während der Bundesjugenspiele vor der versammelten Schule darauf ankam. Hunderte Augen beobachteten dieses Debakel. Auch Jounalisten. Das war mir eine Lehre fürs Leben. Seitdem setze ich mich für niemanden mehr ein. Komme was wolle, schwor ich mir damals.
    Natürlich bis auf ein weiteres Mal, das genauso endete: In der Berufsschule gab es einen Lehrer, der immer die schlechtere vergab, wenn man vorher zwischen zwei Noten gestanden hatte. Die ganze Klasse war deswegen wütend und empfand das als ungerecht. Damals war ich nicht ganz so sehr die Außenseiterin, weil ich mich verbal und persönlich extrem zurückhielt. Irgendwie fiel mir trotzdem diese Aufgabe zu, mal mit diesem Lehrer während des Unterrichts darüber zu sprechen, weil ich mich von der Obrigkeit noch nie hatte einschüchtern lassen. Als es zu diesem Gespräch kam und er fragte, wer das noch alles als ungerecht empfindet, meldete sich niemand. Ich war die einzige. Hinterher gab mir eine Mitschülerin unter vier Augen zu verstehen, dass ich mich zu weit aus dem Fenster für andere lehnen würde. Das hätte nie Sinn. Sie wurde während meiner restlichen Ausbildungszeit fast so etwas wie eine Freundin.

 

  • Gegen Ende der Realschulzeit fing ich – nach bereits viel längeren, aber eher vagen Überlegungen – das erste Mal konkret über Selbstmord als Lösung nachzudenken. Nachdem ich mich schnell für eine Methode entschieden hatte, begann ich zu üben und schnitt mir regelmäßig mit dem Fleischmesser aus Mutterns Küche in den Unterarm. Da ich für mich beruflich, menschlich und seelisch keine Perspektive sah, wollte ich nach dem Schulabschluss meinem Elend ein Ende machen. Irgendwie erschien mir dieses Zeitlimit passend. Doch schon bald stellte ich fest, dass mir der körperliche Schmerz des Aufschneidens half, den seelischen wenigstens für einige Augenblicke zu verdrängen und mir gleichzeitig Stärke gab, noch ein wenig länger durchzuhalten. („Ritzen“ ist ein dermaßen abartig euphemistischer Ausdruck, den sich nur Erwachsene einfallen lassen konnten, die absolut keine Ahnung haben, was betroffene Jugendliche eigentlich durchmachen. Aber das nur am Rande.) Außer mir gab es mindestens noch einen Mitschüler, der wegen seiner katastrophalen familiären Verhältnisse das Gleiche tat wie ich – nur am Oberarm. Ich habe die Wunden zufällig mal gesehen – sie waren viel größer und tiefer als meine und ich weiß noch, wie neidisch ich auf ihn deswegen gewesen bin, da er sich traute, sich so viel extremer zu schneiden als ich. Meine Probleme mussten daher weniger schlimm sein als seine. Ich schämte mich für mein Versagen und die bisherige Schwäche, nicht das Gleiche zu tun. Daraufhin versuchte ich jedes Mal ein bisschen tiefer zu schneiden. Nach außenhin war ich hart. Immer. Schließlich sah meine Mutter aus Zufall mal meinen Arm und gab mir entsetzt die erste Ohrfeige meines Lebens. Ich war 15. Sie muss sich sehr hilflos gefühlt haben. Danach habe ich sorgfältiger darauf geachtet, dass sie meinen Arm nicht mehr zu sehen bekommt. Ich wollte nicht, dass sie sich schuldig fühlt. Gesprochen habe wir bis heute nicht darüber. Mein Zeitlimit habe ich nach hinten verschoben, als ich mich entschloss, wenigstens noch das Abitur zu machen und auf das Gymnasium 30km entfernt zu wechseln.

 

Dort wurde es langsam besser. Da ich zum ersten Mal eine Gruppe von Leuten fand, die wie ich eher Außenseiter waren und mich mit offenen Armen willkommen hießen. Dann lernte ich bei der Wiederholung der 11. Klasse die Stadtkatze kennen und alles hatte sich verändert. Ich hatte auf einmal Spaß am Leben und das Beste: echte Freunde. Allen voran die Stadtkatze, die bis heute meine Schwester im Geiste ist, so wie meine Mutter vor Jahren mal so treffend formulierte. Als ich dann Männe kennenlernte, gab mir das zusätzlich Halt im Leben, auch wenn die ersten 7 Jahre mit ihm wirklich kein Zuckerschlecken waren. Und erst 2 Jahre nach seinem Krebs hatten wir uns endgültig zusammengerauft. Dennoch gibt es immer wieder wirklich schlechte Zeiten und manchmal greife ich auch noch zum Küchenmesser, um mich daran zu erinnern, dass ich mir immer noch Option Omega offenhalten kann. Aber es ist meine Entscheidung. Meine allein und nicht die der anderen. Wenn ich in depressive Phasen abutsche muss ich allerdings aufpassen, dass nicht das Grau in mir das Zepter übernimmt.

Ich bin sehr wählerisch geworden, was echte Freundschaften angeht. Es gab mal zwei, doch die eine hat sich entschieden zu gehen und ich habe sie mit Ankündigung auch gehen lassen. In der Beziehung werde ich keine sinnlosen Kämpfe mehr ausfechten. Ich bin nunmal wie ich bin. Das scheint auszureichen, damit die meisten Menschen mich nicht ausstehen können. Jahrelang habe ich mich verbogen und verdreht, um den allgemeinen Ansprüchen der Anerkennung zu genügen, ohne zu wissen, was mich zum Außenseiter macht und die anderen beliebt. Trotzdem wurde ich nur getreten, verachtet und gedemütigt. Selbst von den Leuten, denen ich helfen wollte bzw. geholfen habe.

Meine nicht professionell definierte/diagnostizierte/klassifizierte/oderwasauchimmer Andersartigkeit passt scheinbar einfach nicht in das normale Sozialgefüge dieser Gesellschaft, um unbehelligt mit dem Strom schwimmen zu können. Vielleicht gibt es da auch nichts zu diagnostizieren. Vielleicht bin ich eben einfach sozial inkompatibel und deswegen letztendlich ein extremer Misanthrop geworden. Damit kann ich leben. Gegen den Strom zu schwimmen habe ich allerdings auch nicht lange ausgehalten. Also habe ich ihn vor Jahren bewusst verlassen und stehe nun am trockenen Ufer, um den hilflos zappelnden Fischen zuzusehen, wie sie sich entweder bei dem Versuch abmühen, respektierte Individualisten zu sein, oder sich gleichgültig treiben lassen, um der allgemein anerkannten Masse anzugehören.

Ich bin jedenfalls raus aus der Nummer. Deal with it.

 

 


 

(Viele andere Ereignisse habe ich hier gar nicht erst aufgeschrieben, weil ich sie nicht mehr richtig zusammengesetzte kriege oder sie auch vielleicht aufgrund der schieren Menge an Bedeutung für mich verloren haben. Ich weiß es nicht. Aber die Liste ist noch sehr lange fortzusetzen. Natürlich haben weitaus mehr Menschen viel Schlimmeres erlebt als ich: Misshandlungen, Kriege, Vergewaltigung, Katastrophen, Tod, Folter etc. und damit weitaus mehr Grund, noch kaputter zu sein als ich. Man muss sich nur C. ansehen. Der ist richtig kaputt. Vorletztes Jahr habe ich über seine Mutter Kontakt herstellen können und von ihm in vielen Telefonaten erfahren, dass er seit 15 Jahren in professioneller Behandlung und arbeitsunfähig ist, eine kleine Rente bekommt, kein echtes Leben hat, geschweige denn Freunde und auch nur über Selbstmord nachdenkt. Seine Mutter erkennt immer noch nicht, was sie ihrem Jungen fürs Leben angetan hat und setzt ihn immer noch unter Druck.
Das alles vor Augen, sein wir doch mal ehrlich: Gegen C. ging es mir doch blendend, oder? Dementsprechend hatte ich doch eigentlich kein Recht, mich so schlecht zu fühlen, dass ich bereits 2 Mal das Messer nicht mehr am Unterarm, sondern bereits mehrere Millimeter im Handgelenk hatte, oder?

Eigentlich nicht.

Oder?)

Advertisements

Über AnGarasu

Ich (E30) bin gelernte Pixelschubse für Printmedien und gleichzeitig Bastelqueen. Beides unter einen Hut zu bringen fällt mir manchmal schwer, da mich die ganzen freilaufenden Irren in meinem Leben echt wahnsinnig machen. Als Selbsttherapie schreibe ich deswegen die skurrilsten Geschichten in "Devil Inside" und do-it-yourselfe ziemlich grobmotorisch zum emotionalen Ausgleich in der "Bastelhölle". Das nenne ich Multi-Tasking – live und in Farbe … Zeige alle Beiträge von AnGarasu

6 responses to “Alle, die mich hassen

  • Nieselpriem

    Nein, mir „gefällt“ dieser Artikel nicht. Nicht als Mutter, nicht als fühlender Mensch. „Gefällt mir“ habe ich gedrückt wegen Deinem Mut, deinem unglaublichen Überlebenswillen und weil Du Dich neben alle stellst, denen ähnliches passieren. Dafür danke ich Dir ❤

    • AnGarasu

      Danke für dein „Like“, auch wenn es nicht wirklich zum Thema passt, wie du schon sagtest.
      Ich weiß nicht, ob es mutig von mir ist, meine perönlichen Erfahrungen in einem nur sehr, sehr wenig frequentierten Blog öffentlich zu machen. Zwischendurch habe ich jedenfalls immer wieder Passagen gelöscht, von denen ich dachte, sie wirken nur wie armselige Effekthascherei, weil kein normaler Mensch das als emotionale Misshandlung oder ähnliches ansehen würde, sondern nur ich, weil es eben nur mir passiert ist. Auch wusste ich nicht, ob es überhaupt angemessen von mir war, auf deinen Artikel zu verlinken, weil dein Sohn sich doch in einer ganz anderen, sprich viel komplizierteren Ausgangslage befindet. Mich damit zu vergleichen erscheint mir immer noch etwas unpassend.
      Insgesamt hat es mehr als 4 Stunden gebraucht, um den Artikel zu schreiben und dabei hätte er noch viel länger sein können. Danach habe ich ihn auch nicht gleich online gestellt, sondern nur als Entwurf gespeichert. Auf „Veröffentlichen“ zu klicken, war mehr eine Kurzschlussreaktion und ich habe es auch sofort wieder bereut, da ich die schlimmsten Dinge nur mit mir selbst ausmache und sie nur äußerst selten nach außen trage.
      Ich glaube auch nicht, dass ich einen unglaublichen Überlebenswillen habe, denn mein „Überleben“ war nicht in dem Sinne GEWOLLT – es ist einfach passiert, da sich nach dem Schulwechsel meine Umgebung geändert hat. Es war also eher Zufall, dass es mir letztendlich besser ging. Auch heute noch habe ich mit sehr schlimmen Phasen zu kämpfen, die mich innerlich für längere Zeit wie tot fühlen lassen. Nur der Gedanke, dass es mir im Vergleich zu den meisten anderen Menschen (z. B. derzeit Afrika, Syrien, Ukraine etc.) wirklich sehr gut geht und ich deswegen kein Recht habe, mich kaputt fühlen zu dürfen, lässt mich in dieser Zeit weiterhin „über“leben. Vieles ist einfach Zufall und ich nehme ihn, wie er kommt.

  • Stadtkatze

    Es ist interessant: Stromlinienförmigkeit gilt (nicht zu unrecht!) als langweilig, aber Abweichung von der Norm von früher Kindheit an als zu vermeiden (heute ja noch schlimmer als zu unserer Kindheit!). Wahrscheinlich würdest Du Dich in GB weniger „anders“ fühlen, wo Exzentriker_innen ja durchaus Tradition haben, oder dieses „Anders“ wäre weniger negativ konnotiert.

    Ich empfinde Dich übrigens überhaupt nicht als sonderlich abweichend vom Durchschnitt der bunten, menschlichen Vielfalt! (Was Dich jetzt hoffentlich nicht beleidigt 😉 ) Mir würde ohne Dich jedenfalls viel fehlen und ich wäre sauer, wenn Du mich mit den ganzen angepassten Langweilern sitzen lässt, die nicht wissen, wie morbider Humor wirklich geht!!
    Ich finde Dich so, wie Du bist, liebenswert – und das schreibe ich hier, obwohl’s eher ins Private gehört, damit alle das wissen, die sich vielleicht nach der Lektüre Deines recht krassen Artikels fragen, womit um alles in der Welt Du Reaktionen wie die geschilderten „verdient“ hast: „Irgendwas muss sie ja an sich haben!“ Bullshit.

    • AnGarasu

      Als Erstes: Du brauchst dir keine Sorgen machen, dass du eines Tages ohne meinen morbiden Humor dastehen wirst. ;-P Solange ich nicht unheilbar krank werde, besteht kein Grund Plan Omega in die Tat umzusetzen.

      Ja, ein paar wenige Leute (zu denen Gottseidank du und deine FF gehören) mögen mich, aber das Gros ist mir doch mehr ab- als zugeneigt und das war seit meiner frühesten Kindheit so. Ich denke, dass mein Äußeres mit Sicherheit was damit zu tun hat, und natürlich meine große Klappe, die gerne laut ausspricht, was ich denke. Ich bin einfach zu direkt für die meisten Leute und halte nichts von sozial anerkannter Heuchelei. Du kennst mich ja. 🙂 Damit stoße ich vielen eben gnadenlos vor den Kopf. Aber womöglich ist es auch einfach nur Karma: Ich war in einem früheren Leben ein sehr böser Mensch und bekomme nun die Quittung für alles.
      Wie auch immer: Das alles hat mich zu der gemacht, die ich heute bin und es kostete mich viel Kraft, darüber hinwegzukommen. Manchmal denke ich aber auch, dass ich vielleicht doch zu sensibel war und mir mehr Schuhe angezogen habe, als unbedingt nötig. Jedenfalls hat mich der Artikel bei Nieseprim wieder daran erinnert und wusste einfach, dass jetzt der richtige Zeitpiunkt war/ist mit diesem Teil meiner Vergangenheit abzuschließen. Da ich allerdings nicht so die Labertasche bin und nichts davon halte, deswegen zum Psychodoc zu rennen, dachte ich, es wäre sinnvoller es für den kleinen Kreis bzw. für mich selbst ein Mal aufzuschreiben. Auch um mir die Begebenheiten einzeln nochmals vor Augen zu führen, um dann damit endgültig abschließen zu können. Und für die neuen Klopfer habe ich ja diesen Blog aufgemacht. 😉 Was soll ich sagen – es hilft tatsächlich.

  • Tante Emma

    Ich habe auch geliked, weil ich es ebenfalls mutig finde, so viel Preis zu geben. Aber auch wichtig und richtig.
    Und es klingt sehr reflektiert und Du bist Dir Deiner Schwächen, aber auch Deiner Stärken bewusst. Ich finde ja, Einstehen für andere eine der stärksten Eigenschaften, die man haben kann neben dem Einstehen für sich selbst. Beides lese ich aus Deinem Artikel und ich glaube auch, dass Dein Plan derzeit kein Thema ist.

    Ich lese, Du hältst nichts von nem Psychodoc. Hast Du es denn mal versucht?

    Ich kenne mich leider auch mit Depressionen aus und vergleiche meine Heilung immer mit der eines trockenen Alkoholikers: Es bleibt immer ein Teil von einem. Man lernt aber, damit umzugehen. Aber los wird man es nie wieder.

    Also, gib gut auch Dich acht.

    • AnGarasu

      Nein, zum Psychodoc will ich nicht.
      1. habe ich das für mich mehr oder weniger schon aufgearbeitet (jedenfalls so, dass ich das Ganze gut vergessen kann) und 2. spreche ich generell nicht gerne über meine Probleme. Ich mache das lieber mit mir alleine aus.
      Nur sehr wenige Leute kennen die Details aus meiner Vergangenheit, die ja auch im Gegensatz zu sehr vielen anderen ja nicht sooo schlimm ist. Mit einem Fremden darüber zu sprechen könnte ich nicht. Da fehlt mir einfach das Vertrauen in andere Menschen. Hier im Blog ist das Ganze ja sehr anonym, nur zwei Leser kennen mich persönlich und die kannten das Meiste der Geschichte auch vorher schon. Dennoch hat es mich dabei schon extrem viel Überwindung gekostet, auf „veröffentlichen“ zu klicken. Nochmal würde ich nicht in dieser Ausführlichkeit darüber sprechen wollen.

Dein Senf hierzu

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: