Fett, faul, filosofisch

Liebe/r LeserInnen.

An dieser Stelle oute ich mich:

Ich bin mit Leib und Seele Garfield-Fan.

Und das kam folgendermaßen …

Da ich nur zwei sehr viel ältere Brüder habe, die bereits 12 und 14 waren, als ich geboren wurde, bin ich quasi als Einzelkind aufgewachsen. Zumindest nachdem die beiden mit Anfang 20 ausgezogen waren. Mein Vater starb, als ich knapp 10 war. Davor war er wegen seiner Asbest-Lunge jahrelang krank und konnte nicht mehr arbeiten, bzw. lag monatelang sterbend im Krankenhaus. Also blieben nur meine Mutter und ich Zuhause übrig. Meine Mutter tat ihr Bestes, um uns beide als Alleinversorgerin vernünftig über die Runden zu bringen. Das tat sie allerdings sehr schnell so gut, dass sie beruflich ziemlich erfolgreich wurde und daraufhin jeden Tag laaaange unterwegs war.
Zuerst hatte ich noch bis ich 6 war und in den Kindergarten ging, eine nette Tagesmutter bei deren Familie ich mich wohlfühlte. Aber die Frau gab danach den Job als Tagesmutter auf und ich brauchte schnell eine  neue Betreuung, da meine Mutter oftmals erst um 20 Uhr nach Hause kam und ich mich noch nicht alleine versorgen konnte. Doch leider waren Tagesmüttern bei uns in der nahen Umgebung sehr rar gesäht und so kam es, dass ich zu einer Familie gehen musste, die zwei ältere Söhne und eine Tochter hatten, die drei Jahre älter als ich war.
Um es kurz zu machen: Drei Jahre lang ging ich durch die Hölle. Die Eltern waren netter zu mir als zu ihrer eigenen Tochter und das ließ sie mich jeden Tag aufs Neue spüren. Ich weiß nicht mehr, wie viele meiner Kuscheltiere und Spielsachen den grausamen Messer- und Scherentod gestorben sind, oder wie oft ich von dem Mädchen (das später als Teenager zwei Mal wegen Magersucht und Selbstmordversuchen in der geschlossen Abteilung gelandet ist) geschlagen oder im Keller eingesperrt wurde. Vom täglichen Psychoterror ganz zu schweigen.
Mit knapp 9 Jahren weigerte ich mich schließlich wochenlang mit Händen und Füßen, da wieder hinzugehen und meiner Mutter blieb nichts anderes übrig, als mich alleine Zuhause zu lassen. Zu dem Zeitpunkt lag mein Vater schon dauerhaft im Krankenhaus. Sie brachte mir im Schnellverfahren bei, wie ich den Herd und den Ofen bediene, um mir wenigstens Fertiggerichte kochen zu können. Ich verbrachte die nächsten Monate meine Freizeit nach der Schule mit Hausaufgaben und Haushaltsaufgaben, – kochen, Wäsche machen, putzen. Mit 10 war ich dann zur Haushälterin meiner Mutter geworden. Wenn sie nach Hause kam, war die Wäsche gemacht, die Wohnung staubgesaugt und das Essen fertig.
An meinem 10. Geburtstag kam sie mal wieder spät nach Hause und brachte mir unter anderem als Geschenk die Weihnachstsausgabe vom Garfield-Comicheft mit. Ich habe mich sehr darüber gefreut, auch wenn ich viele der Gags gar nicht verstanden habe. 3 Jahre später, zu meinem 12 Geburtstag, bekam ich das nächste Heft … und ab da war es um mich geschehen: Ich wurde Garfield-süchtig.

Jeden Monate sparte ich mir nun mein geringes Taschengeld auf, um mir die neuste Ausgabe kaufen zu können, damit mein trister Alltag wenigstens für ein paar Minuten erhellt werden konnte. Sobald ich Zuhause war, verzog ich mich in mein Zimmer, legte mich aufs Bett und las mich sorgsam von Comicstrip zu Comicstrip. Mann, was musste ich zwischendurch loslachen! Das war genau meine Art von Humor. Schon damals.
Leider wurde die deutsche Herausgabe der Hefte Ende 1994 eingestellt und ich verlor damit meinen einzigen Kindheits-Freund. Das hat mich damals echt fertig gemacht und ich fing in meiner Einsamkeit an, in regelmäßigen Abständen abends zum Einschlafen jedes meiner Garfield-Hefte nochmals zu lesen. War ich durch mit den drei gesammelten Jahren, fing ich wieder von vorne an. Und wieder und wieder und wieder. Selbst als ich mit Männe vor 17 Jahren zusammen zog, zogen die Hefte selbstverständlich mit bei uns ein und bekamen ein gut sichtbares halbes Fach meines Bücherregals im Wohnzimmer. Als ich sie nach einigen Jahren mal wieder aus dem Regal zog und spät nachts durch lautes Kichern beinahe aus dem Bett fiel, musste ich meinem empörten Männe natürlich erklären, warum ich diese alten, zerfledderten Hefte nicht schon längst entsorgt hatte. Danach bot er mir an, die am ärgsten mitgenommenen wieder zusammen zu kleben, damit sie mir nicht in den Händen auseinanderbröseln. Seitdem ruft er jedes Mal gespielt empört, wenn ich mal wieder am Wochenende oder im Urlaub vor ihm ins Bett gehe und laut lospruste: „Liest du schon wieder Garfield? Dann mach die Tür zu. Ich kann sonst den Fernseher  bei deinem Gegiggel nicht verstehen.“

Und auch heute, mit 36 Jahren, lese ich Garfield noch in regelmäßigen Abständen abends im Bett, um besser ein- und durchschlafen zu können. Letztes Jahr habe ich mir dann ernsthaft überlegt, die gesammelten Werke von 1978 bis heute als  „neu“ herausgekommene Buchausgaben zu kaufen oder wenigstens die nächsten Jahre als regelmäßige Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke zu wünschen. Dann könnte ich die alten Hefte endlich entsorgen. Aber was soll ich sagen, ich konnte es nicht über mich bringen. Sie sind mir so ans Herz gewachsen, dass ich alleine bei dem Gedanken daran heulen muss. Deswegen werde ich wohl nach meinem Tod mit ihnen zusammen verbrannt und beerdigt werden.


tl;dr

Weswegen ich das alles erzähle?

Letzten Samstag hatte ich echte Probleme, wach zu werden. Den ganzen Vormittag bis mittags hätte ich im Sitzen wieder einschlafen können. Dann merkte ich, ich hatte ja noch gar keinen Kaffee getrunken. Nachdem ich mir einen schönen Milchkaffee mit viel Zucker reingekippt hatte, dauerte es keine 10 Minuten und mir ging es schlagartig besser. Meine Laune hob sich um 200% und die latenten Kopfschmerzen waren weg. Daraufhin fiel mir der eine Comicstrip von Garfield wieder ein, in dem er morgens als absoluter Morgenmuffel seinen Becher Kaffee trinkt, John von 10 an rückwärts zählt und bei 0 Garfield plötzlich mit guter Laune durchstartet. Im Deutschen: „Die Katerrakete hebt ab!“ („Lift off … we have lift off.“)
Und genauso ging es mir in diesem Moment auch. Das wollte ich dann eigentlich auch gleich verbloggen und begann im Internet nach diesem Strip zu suchen, weil ich nicht mehr wusste, in welchen Jahr er herausgebracht wurde und welches Heft ich durchforsten musste. Dabei stieß ich zufällig auf das Paradies, in das ich mich seitdem jeden Tage für mehrere Stunden begebe und in Lasagne den schönsten Erinnerungen schwelge.

Heute will ich das gerne mit meinen Lesern/Innen teilen. Bitte tretet ein, in das größte Paradies eines Gerfield-Fans.

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Über AnGarasu

Ich (E30) bin gelernte Pixelschubse für Printmedien und gleichzeitig Bastelqueen. Beides unter einen Hut zu bringen fällt mir manchmal schwer, da mich die ganzen freilaufenden Irren in meinem Leben echt wahnsinnig machen. Als Selbsttherapie schreibe ich deswegen die skurrilsten Geschichten in "Devil Inside" und do-it-yourselfe ziemlich grobmotorisch zum emotionalen Ausgleich in der "Bastelhölle". Das nenne ich Multi-Tasking – live und in Farbe … Zeige alle Beiträge von AnGarasu

3 responses to “Fett, faul, filosofisch

  • Stadtkatze

    Oh, das ist ja wirklich eine super Seite! Und dann auch noch auf Englisch — das lässt /meine/ Erinnerungen wach werden, wie ich mit meiner Mutter ein paar englische Hefte durchgelacht habe, die sie von einem Arbeitskollegen geliehen bekommen hatte. Danke für’s selbstlose Teilen 😀

    • Stadtkatze

      Habe ich eigentlich jemals erwähnt, dass mein Hannoveraner Kinderzimmer mit Garfield-Tapete ausgestattet war? Ich glaube nicht, dass ich die ausgesucht hatte (kannte ich den Comic so früh schon?!), aber sie war x-mal besser als die pastelligen Wolken, die ich als Teenie dann in Rw bekommen habe!

  • Katrin

    Oh! Wie! Geil!!!
    Ich habe übrigens nur am Montag, dem 13. ein ungutes Gefühl, nicht am Freitag. Darum. 😉

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