Best Friends Not 4 Ever

Ich habe vor ein paar Tagen bei der Frau Lavendula und ihren Kindern einen sehr amüsanten Artikel zum Thema Furcht und Erschrecken gelesen, bei dem ich arg lachen musste, traf er doch genau meinen Geschmack.
Als ich einen kleinen Kommentar dazu schrieb, fiel mir wieder ein, wie ich in meiner Jugend drauf war und was ich alles getan habe ohne Angst zu zeigen. Vieles davon hat sich nach 20 Jahren natürlich ins pure Gegenteil verkehrt, aber damals war ich auf gewisse Weise total furchtlos. Vor Dummheit meistens, so wie regelmäßig nachts über den Friedhof zu spazieren, in leerstehende Häuser einzudringen, zu trampen etc.

Das Dämlichste, was ich deswegen mal gebracht habe war, dass ich mit 16 von einer Discothek 8 km nachts und alleine zu Fuß nach hause gegangen bin, weil meine sogenannten Freunde keine Lust mehr hatten, mich – wie vorher mit meiner Mutter vereinbart – um Mitternacht nach Hause zu bringen.

Ich war damals Gruftie und mit einem drei Jahre älteren Mädchen namens T. unterwegs, das ein Auto hatte und ich für eine Freundin hielt. Sie hatte mich ein Jahr zuvor in die hiesige Gruftie-„Szene“ eingeführt und mich beinahe jedes Wochenende mit in die beiden dafür einschlägigen Discos in der näheren Umgebung mitgenommen. Als Fahrgeld gab ich ihr immer den ersten Drink des Abends aus. Ihre Freunde wurden irgendwann auch meine „Freunde“ und der Bruder ihrer Freundin für sechs (im Rückblick durch seine regelmäßigen Alkoholexzesse schreckliche) Wochen meine erste Liebe. Bis er eines Tages kurz vor einer Party überraschend am Telefon Schluss machte und erst nach einem von mir erzwungenen persönlichen Gespräch gestand, er sei nur mit mir zusammen gewesen, weil er von seiner Schwester und T. wochenlang dazu gedrängt worden sei. (Nur gute Absichten und so – kennt man ja …)

Irgendwie wurde ich in dieser Zeit auch zum Spielball T.s. Mal sollte ich das für holen, mal dem dies sagen, mal jenes für sie erledigen. Eigentlich machte mir das auch nichts aus, da ich zu diesem Zeitpunkt (davor nicht und auch danach auch kaum) keine anderen Freunde hatte. Natürlich war mir bewusst, dass sie mich in gewisser Weise ausnutzt, aber ich kannte ja ihr Leben, das weitaus schlimmer war als meins. Schon allein deshalb, weil sich unsere Vergangenheiten schon einmal drei Jahre lang gekreuzt hatten. Sie war nämlich die Tagesmuttertochter, die mich bis ich neun war tagtäglich so schön schikaniert hatte.

Ja, ja, ich weiß. Warum zur Hölle gab ich mich mit der überhaupt ab, nachdem was sie mir angetan hat? Ganz einfach: große Einsamkeit. Außerdem hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch ein weiches und gutes Herz und glaubte an zweite Chancen. Mit 15 traf ich sie zufällig im Schulbus wieder, und sie entschuldigte sich bei mir für ihre Taten glaubwürdig. Gleichzeitig gestand sie mir, dass sie auf mich tierisch eifersüchtig war, weil ihre Eltern mich hundertmal lieber mochten als ihre eigene Tochter und sie sich im Laufe der nächsten Jahre deswegen Bulimie, zwei Selbstmordversuche und mehrere Aufenthalte in der Geschlossenen einhandelte. Daraufhin lud sich mich mal zu sich ein, wir hatten wider Erwarten viel Spaß miteinander und das Schicksal nahm seinen Lauf. Meine bisherige Einsamkeit führte dazu, dass ich beinahe vergaß, was ich durch sie erlitten hatte, und wir wurden Freunde. Bis zu dem Zeitpunkt, als sie mich nachts 10 km alleine nach Hause gehen ließ.

Als ich sie um halb 12 ansprach, dass wir bald los müssten, hatte sie plötzlich keine Lust, mich zu fahren, damit ich pünktlich um Mitternacht Zuhause wäre. Es sei gerade so gute Stimmung, da wolle sie nicht weg. Und was mache das schon, wenn ich ein, zwei Stunden später käme?
Tja, leider wusste ich, dass meine Mutter sehr streng bei solchen Dingen war und mit Sicherheit auf mich wartete, um mir den Kopf abzureißen. Das war T. allerdings egal. Also fragte ich drei ihrer Freunde, ob die mich fahren würden, aber alle lehnten lachend ab. Einer machte dann den (vermutlich ironischen) Vorschlag, die 10 km zu Fuß zu gehen, dann wäre ich in eineinhalb Stunden Zuhause.
Wütend, verletzt und vor allem trotzig machte ich mich zum Erstaunen aller wirklich auf den Weg. Alle lachten und meinten, ich halte keine 2 km in meinen nagelneuen Doc Marten’s aus, aber keiner kam auf die Idee, mich doch noch zu fahren. Sie ließen mich gehen und feierten weiter.

Aus heutiger Sicht verdiene ich mit Sicherheit mehrere Ohrfeigen für meine grenzenlose, von Trotz und Stolz erschaffene Dummheit dieser Nacht. Was da nicht alles hätte mit mir passieren können: Davon abgesehen, dass ich komplett in schwarz angezogen war, die Straßen stockdunkel, schmal und ohne Fahrstreifen – was mir nicht nur einen Unfall hätte einhandeln können–, hätte mich sonst wer wegfangen, vergewaltigen und umbringen können. Gott sei Dank hatte ich wenigstens noch genügend funktionierenden Verstand in der Birne, nicht bei dem fremden Typen ins Auto einzusteigen, der nach 5 km anhielt und mich nach Hause bringen wollte. Vermutlich war der noch in Ordnung, denn er nickte nur verständnisvoll ohne mich zu drängen und fuhr anstandslos weiter. Was ich für Glück ich damals hatte! Das fasse ich heute noch nicht.
Leider hatten meine Fersen weniger Glück mit den neuen Stiefeln. Denn nach kurzer Wanderzeit war die Haut erst gereizt, dann blasig und schließlich bis ins Fleisch aufgerieben. Ruckidigu, Blut war im Schuh. Und das nicht zu knapp. Ich weiß jetzt, wie sich Aschenputtels Stiefschwester fühlte, nachdem sie sich die Ferse abschnitt, um in den verdammten Schuh zu passen! Wie verzweifelt muss man wohl sein, um sowas zu tun?

Erstaunlich, wie lang 10 km sein können, wenn man nicht in einem fahrenden Auto sitzt. Ich hatte jedenfalls viel Zeit mir darüber klar zu werden, dass T. nicht meine Freundin war. Gut, dass es eine laue Vollmond-Nacht war. So hatte ich wenigstens eine schöne Aussicht auf die Umgebung, während ich mich fragte, ob mein an den Tag gelegter Stolz nicht doch ein Fehler gewesen war. Aber ich hielt tapfer durch. Ich wollte einfach keine Schwäche zeigen und mich bloßstellen lassen. Zumal, wo sollte ich den jetzt noch hin, außer nach Hause? Sollte ich etwa bei einem der spärlich angesiedelten Häuser mitten in der Nacht klingeln? Komplett schwarz angezogen, knochenweiß geschminkt und mit blutenden Füßen? Die Bewohner hätten doch eher ein Kruzifix geholt anstatt Hilfe, um mich wieder in die Hölle zu schicken, aus der ich gekrochen bin! Nee, danke.

Als ich nach 90 Minuten schließlich fast Zuhause war und nur noch die 2-km-Abkürzung über einen Feldweg nehmen wollte, kam das zweite Auto der Nacht angefahren. Zu meinem Erstaunen näherte es sich nur sehr langsam und hielt eine Weile fast 50 Meter Abstand zu mir, sodass die Straße vor mir ausgeleuchtet wurde. Ich humpelte mit fest zusammen gebissenen Zähnen stoisch weiter und versuchte mich nur noch auf den Weg zu konzentrieren. Plötzlich gab das Auto Gas, überholte mich knapp und hielt direkt vor mir an. Erstaunlicherweise stieg T. aus und kam auf mich zu. Sie war mit den drei Freunden, die mich vorhin nicht fahren wollten, jetzt hinter mir her, weil sie sich vergewissern wollten, ob ich schon gut Zuhause angekommen sei. Sie würden mich jetzt den restlichen Weg nach Hause bringen wollen.

Wie bitte? War das jetzt echt deren Ernst? Ich fühlte mich, als ob ich eine Ohrfeige bekommen hätte. Vier Leute wollen eine 16-jährige erst nicht nach Hause bringen, lassen sie 8 km allein zu Fuß durch die Pampa laufen und fahren dann 90 Minuten später, NEUNZIG MINUTEN!!!, gemeinsam hinter ihr her, um zu sehen, ob es ihr gut geht und sie dann die restliche Strecke zu bringen?
Dazu fiel mir in diesem Moment echt nichts mehr ein. Ich stieg nach kurzem Ringen mit meinem restlichen Stolz, der glücklicherweise den Kürzeren zog, wortlos ins Auto und stieg ebenso schweigend drei Minuten später wieder aus, während sich die vier immer noch keiner Schuld bewusst waren und über mich lachten. Meine Mutter war Gott sei Dank schon lange vorher ins Bett gegangen und bekam von meiner verspäteten Ankunft nichts mehr mit. So entging ich wenigstens diesem erwarteten Zeter und Mordio.

Diese Nacht macht mir sehr schmerzhaft bewusst, dass T. und ich keine echten Freundinnen waren und auch nie werden würden. Kurz danach verursachte ich mit Absicht durch kalkuliertes Fehlverhalten ihr und ihrer Gruftie-Gruppe gegenüber den Bruch unserer „was auch immer es war“: Wir hatten einige Monate vorher CDs getauschtschenkt, von denen sie eine von mir wieder zurück haben wollte, weil die gar nicht ihr gehört hatte, sondern einer Freundin. Das alleine fand ich schon echt dummdreist von ihr: Dinge zu verschenken, die ihr gar nicht gehören. Also sagte ich, ziemlich sauer darüber sie wieder hergeben zu müssen, die CD hätte ich damals gar nicht angenommen, sondern ihr längst wieder zurückgegeben. Natürlich glaubte sie mir nicht. Als Konsequenz holte sie mich trotz Verabredung und mehrfacher Nachfrage ein paar Tage später nicht zur Disconacht ab und ließ mich als Rache Zuhause sitzen. Danach wusste ich, es war endgültig aus zwischen uns und brach jeden weiteren Kontakt ab.

Seitdem habe ich nichts mehr mit ihr zu tun und bereue es nicht das kleinste bisschen. Allerdings habe ich damit den ersten Teil meines weichen Herzens verloren und halte Freundschaften inzwischen allgemein für überschätzt. Kommt mir ein „Freund“ quer und meint, mich verletzen zu müssen, fliegt der hochkant raus aus meinem Leben und kommt auch nicht wieder rein. Egal wie oft der sich entschuldigt. Da bin ich konsequent geworden.

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Über AnGarasu

Ich (E30) bin gelernte Pixelschubse für Printmedien und gleichzeitig Bastelqueen. Beides unter einen Hut zu bringen fällt mir manchmal schwer, da mich die ganzen freilaufenden Irren in meinem Leben echt wahnsinnig machen. Als Selbsttherapie schreibe ich deswegen die skurrilsten Geschichten in "Devil Inside" und do-it-yourselfe ziemlich grobmotorisch zum emotionalen Ausgleich in der "Bastelhölle". Das nenne ich Multi-Tasking – live und in Farbe … Zeige alle Beiträge von AnGarasu

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