Bräsig

Seit ich aus der REHA arbeitsunfähig zurück kam, bin ich krank geschrieben. Denn aus dem Irrenhaus, das sich Arbeitsstelle nennt, ist in den vier Wochen meiner Abwesenheit scheinbar ein Höllenpfuhl geworden, den ich nie und nimmer überlebt hätte: Einem Mitarbeiter mit Zeitarbeitsvertrag wurde noch bis zwei Tage vor Ablauf seines Vertrages mehrfach weiß gemacht, er würde  mit Gehaltserhöhung übernommen, um ihm dann am vorletzten Morgen „Ätschibätsch!“ zuzurufen und mit 2 Tagen Resturlaub für immer nach Hause zu schicken, ohne für Ersatz zu sorgen. Der Rest der Belegschaft soll sich die Aufgaben teilen. Samstagarbeit wurde auch temporär eingeführt. Außerdem wurde eine neue großer Maschine angeschafft, für die die halbe Firma tagelang bis weit nach Feierabend umgeräumt werden musste und außerdem Einweisungen für mich und einen Kollegen stattfinden sollten.
Doch so wie sich mein Kopf derzeit verhält, wäre ich dem nie und nimmer gewachsen gewesen und es hätte höchsten vier weitere Wochen gedauert, bis ich erneut am Boden gelegen bzw. am Balken gebaumelt hätte.

Alleine, dass ich derzeit ein aufwändiges Scrap-Fotoalbum für die Hochzeit eines befreundeten Pärchens zusammenfrickel hat mich anscheinend total überfordert.
Dabei habe ich im Vorfeld alles genau entworfen, mir Skizzen gemacht, einen Schneideplan gezeichnet, um die benötigten Mengen an Karton und Papier zu errechnen, plus Reserve für eventuelle Anfälle geistiger Umnachtung, alles entsprechend eingekauft und erfolgreich drei Tage nach meinem detailierten Skizzenplan lang gearbeitet. Zusätzlich konnte ich noch einige weitere tolle Elemente einbauen, die ich das erste Mal (nach Videotutorial – allerdings in anderem Maßstab) gefertigt habe. Und außer ein paar Ausrutschern beim Schneiden mit dem Skalpell ist nichts gravierendes vorgefallen und ich war mega stolz auf mich, dass ich meine Grobmotorik unter Kontrolle habe.

Doch dann habe ich meinen Schneideplotter vom letzten Geburtstag eingesetzt, da ich saubere Schnittkanten für die Papiere mit geschwungenen Linien habe wollte. Ich brauchte nur 16 solcher Teile für die Klappen mit viktorinischem Schnitt. Das sollte doch zu schaffen sein, dachte ich so bei mir.

Und dann lief es so gut, dass. Ich. Das. Gesamte .6 x 12″. Papier. In. Einem. Rutsch. Weggeplottet. Habe. … 27 Stücke … von insgesamt 64 … dazu kommt außerdem noch das Bütten-Trägerpapier … in gleicher Auflage …

AAAAAAARRRRGGGHHHH!

So viel Mühe und stundenlange Arbeit hätte ich mir gar nicht machen brauchen! Die restlichen 48 Stücke hätten einfach rechteckig werden sollen laut meinen superduperausgearbeiteten Plan. Genauso wie die Trägerpapiere dafür. Doch jetzt passte der Plan natürlich vom Design hinten und vorne nicht mehr und ich musste zwei Tage lang die restlichen Stücke auch noch durch den Plotter jagen statt sie einfach mit Skalpell und Lineal viereckig auszuschneiden. Und jedes einzeln …

Scheinbar sind auf dem drei Meter langen Weg zwischen Arbeits- und Computertisch mit Plotter drauf meine Gehirnwindungen in einen Tornado geraten oder mein Verstand durch ein schwarzes Loch in ein Paralleluniversum gezogen worden! Anders kann ich mir es nicht erklären, dass ich innerhalb von nicht mal einer Minute meinen Plan völlig vergessen habe und einfach alles wegplotte, dass nicht niet- und nagelfest ist! Wahrscheinlich muss ich froh sein, dass die Katzen gerade nicht im Raum waren, als ich hier meinen Verstand in dekorative Wellen plottet habe. Sonst würden jetzt jede Menge Katzenfell einen weichen Rahmen für die 64 Fotos bilden …

Dann habe ich auch noch gestern beim Einkaufen an der Wursttheke vergessen, Geflügelsalat für Männe mitzunehmen, obwohl er nur eine Minute vorher noch gesagt hatte, das er welchen will und ich schon dort beim Bestellen diverser Sachen war! Zuhause stellen wir das dann fest, dass ich den Salat vergessen habe.

Abends habe ich außerdem festgestellt, dass ich heute für einen Termin zwar die Uhrzeit, aber nicht den Ort vermerkt habe. Und ich habe nicht den blassesten Hauch einer Ahnung, wo genau das war!

Ach ja, Waschmittel habe ich auch vergessen in den Einkaufswagen zu legen, obwohl Männe mich extra gefragt hatte, ob wir was brauchen und ich auch noch „Ja.“ sagte. Nur um dann zehn Sekunden später einfach dran vorbei zu schieben …

Ich bin immer noch verpeilt, verpeilt, verpeilt. Und deswegen heilfroh, dass ich noch auf unbestimmte Zeit krank geschrieben bin. Wie wäre das erst auf der Arbeit geworden? So viel hätte der Meister gar nicht fressen können, wie der mich gerne angeschissen hätte.

Männes Kommentar gestern Abend: „Aber atmen kannst du noch alleine, oder?“
Aber ehrlich gesagt, habe ich keine Ahnung.

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Über AnGarasu

Ich (E30) bin gelernte Pixelschubse für Printmedien und gleichzeitig Bastelqueen. Beides unter einen Hut zu bringen fällt mir manchmal schwer, da mich die ganzen freilaufenden Irren in meinem Leben echt wahnsinnig machen. Als Selbsttherapie schreibe ich deswegen die skurrilsten Geschichten in "Devil Inside" und do-it-yourselfe ziemlich grobmotorisch zum emotionalen Ausgleich in der "Bastelhölle". Das nenne ich Multi-Tasking – live und in Farbe … Zeige alle Beiträge von AnGarasu

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