Monster unterm Bett

Nach meinem physischen Zusammenbruch im September 2015 war mir klar, dass ich in meinem Leben dringend was ändern muss. 4 Wochen mit beidseitiger Trommelfellentzündung, Magen-Darm-Grippe, Bronchitis und anschließenden Herzrythmusstörungen inklusive zweier Ohnmachtsanfällen können einem das ziemlich nachdrücklich vor Augen führen, wenn man schon die vorhergehenden Nervenzusammenbrüche nicht als Indikator für ein Burn Out anerkennen will.
Dieser körperliche Nothalt hat dazu geführt, mir endlich mal professionelle Hilfe zu suchen, einen REHA-Antrag auszufüllen und auch mein Privatleben umzustrukturieren.

Als Folge davon habe ich irgendwann erkannt, dass ich dringend geistigen Ausgleich zu meiner Seelen- und Würdefressenden Arbeit brauche. Lesen und Gartenarbeit haben einfach nicht mehr ausgereicht. Nachdem ich auf YT nach Ideen für Weihnachtskarten gesucht habe und stattdessen über ein Video über ein Scrapbookalbum gestolpert bin, war mir klar, dass ich wieder mit dem Basteln anfangen muss.
In meiner Kindheit und Jugend war ich extrem ambitioniert was das anging, und konnte mich Stunden- und Tagelang in der Arbeit mit Farbe, Papier, Schere, Stoff, Holz und Leim verlieren. Zig Dekosachen für mein Zimmer, Geschenke für Freunde und Familie, Adventskränze, Weihnachtsbaumschmuck, Halloween-Kürbisse, Girlanden, Briefpapier, Geburtstagskarten … die Ideen dazu flossen geradezu wie ein Wasserfall aus meinem Kopf und füllten fast jeden Raum in unserer Wohnung.

All das endete nach und nach, als ich mit 20 ins Berufsleben einstieg und plötzlich einfach keine Zeit und Lust mehr für private Kreativität hatte. Ich habe alles in meine Arbeit einfließen lassen, die irgendwann begann, mir auch noch den Rest meiner Ideen auszusaugen. Als leere Hülle habe ich über 15 Jahre nur noch funktioniert, weil man – und auch ich selbst – das von mir erwartete. Viele Dinge sind in dieser Zeit geschehen, die mir immer wieder den Boden unter den Füßen weggespült haben, bis ich schließlich Anfang Juni 2015 endgültig das Gleichgewicht verloren und lang hingeschlagen bin. Mit Aufstehen und Krone richten war da nicht mehr viel – denn die Krone hatte ich unterwegs bei diversen anderen Stürzen schon längst irgendwo verloren und vergessen.
Nach einem spontanen Selbstmordversuch – einer bösen Verkettung extrem unglücklicher Umstände entspringend –, schaffte ich es auf allen Vieren noch 3 Monate lang, mehr schlecht als recht beruflich und privat weiter zu machen, bevor ich von heute auf morgen in ein Fieberdelirium rutschte und danach 4 Wochen fast nicht mehr aus dem Bett bzw. vom Sofa hochkam.

Der REHA-Antrag war in dieser Zeit im Eilverfahren nach 7 Tagen genehmigt worden und ich ging wieder arbeiten, da mich meine Firma während meiner Krankheit massiv unter Druck gesetzt hatte. Irgendwie musste ich also die Zeit bis zum Anfang meiner REHA überstehen und mir blieb nichts anderes übrig, als ein Gegengewicht zu meiner Arbeit zu schaffen. Also entschied ich mich, mit dem Basteln von Erinnerungsalben anzufangen. Und zwar nicht wie im Kindergarten einfach irgendwas zum Zusammenpanschen, sondern richtig und professionell.

Zum Geburtstag im November wünschte ich mir von meiner Familie einen einfachen Schneideplotter, den ich auch bekam. Ich sah mir gefühlt fast hundert Videos zum Thema Plotten und Scrapbooking an, um mir die entsprechenden Techniken selbst beizubringen. Ideen hatte ich inzwischen schon genug, Material auch. Mitte Dezember fing ich dann mit dem ersten einfachen Buch an, das ich jemanden Anfang Januar zum Geburtstag geschenkt habe.
Erst während der REHA im März, entstand ganz langsam die Idee, damit vielleicht später mal Geld zu verdienen und ich entwickelte nach meiner Heimkehr Entwürfe für eine Serie von Alben, die sich als Grundgerüst leicht reproduzieren lassen. Fast jeden Tag bin ich nun während meiner AU damit beschäftigt, neue Ideen zu entwickeln und mir neue Techniken im Buchbinden und -gestalten anzueignen.

Neben meiner derzeitigen regulären Psychotherapie habe ich so bereits letztes Jahr unbewusst damit angefangen, mir meine eigene kleine Kreative Ergotherapie zu schaffen, die mir hilft, mich wieder auf mich und meine Fähigkeiten zu konzentrieren. So langsam weiß ich wieder, dass ich eben doch was kann und kein minderwertiger Mensch bin. Diese Beschäftigung hält mich vom Grübeln ab, trainiert meine Konzentration und Fingerfertigkeit und entspannt mich gleichzeitig. Außerdem empfinde ich wieder Stolz auf meine eigenen Fähigkeiten. Natürlich ist das ganze auch eine schützende Filterblase, die mich vor den Problemen in der realen Außenwelt abschottet. Das ist mir klar. Irgendwann werde ich mich wieder mit der Welt da draußen beschäftigen müssen, aber ich hoffe, bis dahin noch etwas Zeit zu haben.

Im Moment bin ich trotz der immer noch auftretenden extremen Schlafstörungen relativ stabil und habe weniger Albträume und Panikattacken als im letzten Jahr, dennoch setzt mir der beängstigende Gedanke, mich im Januar mit meiner beruflichen Situation neu beschäftigen zu müssen, ziemlich stark zu. Zumal meine Dämonen namens Depressionen und Dissoziative Störung seit 25 Jahren regelmäßig wieder kehren und nie mehr ganz weg gehen werden. Sie sind zwar endlich aus der Anonymität gerissen worden und haben auch einen offiziellen Namen, dennoch denke ich, dass das noch nicht alles ist. Wahrscheinlich schlummert noch einiges unter der Oberfläche, was wohl eher in Richtung Borderline, als nur „einfache“ Depressionen geht, aber leider noch nicht richtig identifiziert worden ist. Deswegen glaube ich auch, dass diese Monster noch immer unter meinem Bett leben und einfach nur geduldig darauf warten, dass ich in einem unvorsichtigen Moment das Licht ausschalte.

Schwer zu sagen, was es braucht, um sie erneut zu wecken.

 

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Über AnGarasu

Ich (E30) bin gelernte Pixelschubse für Printmedien und gleichzeitig Bastelqueen. Beides unter einen Hut zu bringen fällt mir manchmal schwer, da mich die ganzen freilaufenden Irren in meinem Leben echt wahnsinnig machen. Als Selbsttherapie schreibe ich deswegen die skurrilsten Geschichten in "Devil Inside" und do-it-yourselfe ziemlich grobmotorisch zum emotionalen Ausgleich in der "Bastelhölle". Das nenne ich Multi-Tasking – live und in Farbe … Zeige alle Beiträge von AnGarasu

3 responses to “Monster unterm Bett

  • Schneeweiss

    Liebe Angarasu,
    ein Text, der mir nahe geht. Ich kann dich sehr gut verstehen. Und gratuliere zum Mut, es auszusprechen. Äh, schreiben.
    Bei mir hat es trotz stetiger therapeut. Begleitung sieben Jahre gedauert, bis ich die richtige Diagnose hatte.
    Wenn das Monster raus will, muss es raus… Auch wenn die Vorstellung beschissen ist… Ich hoffe, eines Tages kommen wieder bessere Zeiten. oder: „Wenn es noch nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende.“

    (darf ich dich auf meinem neuen Blog verlinken?)
    Herzlichst,
    Schneeweiß (ehemals Eremitin)

    • AnGarasu

      Ehrlich gesagt haben vor allem Deine Berichte mich dazu gebracht, mal etwas deutlicher über meine Probleme zu schreiben. Bis jetzt wussten nur meine engsten Vertrauten über meine inneren Monster bescheid. Ich bin niemand, der seine Probleme nach außen trägt. Wäre mein Blog nicht so unbekannt, würde ich niemals darüber schreiben.
      Aber ab und an denke ich, dass es gerade passend ist und vielleicht auch noch jemand anderem hilft, außer mir.

    • AnGarasu

      Im übrigen kannst du mich gerne verlinken. 🙂

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