Mind the gap.

Die geneigte Leserschaft weiß ja bereits, dass wir kurz vor Weihnachten einen Todesfall in der Familie zu verzeichnen hatten und dem Kater-König leider über den Jordan helfen mussten.
RIP & unforgotten.

Nun bin ich ein Mensch, der die Trauer besser verarbeitet, wenn er eine gewisse Ablenkung erhält, um nicht zu tief in das Schwarze Loch zu fallen, das sich in solchen Augenblicken des Verlustes unter mir auftut. Deswegen war bereits vorher klar, dass wir uns eine neue Katze zulegen werden, sobald der Kater das Zeitliche segnet.

Am nächsten Tag habe ich also die Kleinanzeigen durchforstet und stieß auf eine 2jährige schwarze Wuschelkatze, die ein neues Zuhause suchte. Der Anzeigentext war sehr ausführlich und sympathisch geschrieben und enthielt alles, um mich zu überzeugen, dass die Besitzerin der Katze sehr um das Wohlergehen derselben besorgt ist. Also schrieb ich abends nach 20 Uhr eine Mail, in der ich Männe, mich und die letzte Katze kurz vorstellte und unser Zuhause samt Umgebung umriss.
Nach wenigen Minuten wurde ich direkt von ihr zurück gerufen und es entspann sich mit der jungen Dame Anfang 20 ein sehr nettes Gespräch, dass mich auf Erfolg hoffen ließ.

Zwei Tage später fuhr ich wie verabredet die 20 Kilometer zu ihr und der Katzendame, um mir diese anzusehen und zu prüfen, ob es zwischen uns funkt. Das Mädchen lebt auf einem großen, zu vielen Wohneinheiten ausgebauten Bauernhof mit ihren Pferden und ist ein typischen Reiter-Girlie, bei dem sich alles nur um die Tiere dreht. Sie hat noch einen Problemfall-Schäferhund-Mix und einen Kater, welche beide die schwarze Katze nicht besonders leiden können. Deswegen muss sie sie nun leider nach nur sechs Monaten wieder abgeben, weil sie so keinem der drei Tiere gerecht werden kann.

Der Funke springt wie erwartet über und ich sage nach 10 Minuten fest zu, die Katze gegen eine Schutzgebühr von 120 Euro (die ich auch in unserem Tierheim hätte bezahlen müssen) noch vor Weihnachten übernehmen zu wollen. Sie könne gerne – wie in der Anzeige verlangt – bei uns vorher noch vorbei kommen und unsere Wohnung anschauen, damit sie sicher ist, dass die Katze es bei uns wirklich gut hat. Das Mädchen stimmt zu und will dann die Katze Heiligabend-Vormittag vorbeibringen, um sich dabei auch gleich ihr neues Zuhause anzusehen.
Plötzlich wird sie bleich und fängt vor Schuldgefühlen fast an zu weinen. So schnell hatte sie nun nicht mit dem Abschied gerechnet. Ich verstehe sie natürlich vollkommen – bin ja entgegen der landläufigen Meinung kein Unmensch – und schlage vor, dass sie sich ein paar Tage Zeit nehmen soll, um alles zu überdenken. Es wäre auch nicht schlimm, wenn sie die Katze jetzt doch behalten will. Das sei kein Problem für mich, versichere ich ihr mehrmals, da ich ihre Zweifel vollkommen nachvollziehen kann. Menschen wie wir geben ein Tier nicht leichtfertig ab, wenn wir erst einmal Verantwortung dafür übernommen haben. Sie stimmt meinem Vorschlag erleichtert zu und will spätestens am 23. Dezember abends anrufen und Bescheid sagen, wie sie sich entschieden hat.

Wer ruft am 23. nicht an oder schreibt wenigstens ’ne Mail? Richtig.
Männe und ich sind natürlich enttäuscht und werten das Schweigen aus jahrelanger Erfahrung als ein „Nein“. Die Katze ist für uns abgehakt.
Am nächsten Vormittag trudelt plötzlich eine Mail von dem Mädchen ein: Sie sei krank und könne die Katze heute nicht vorbeibringen. Ob wir ab dem 26. Dezember Zeit hätten. Sie würde sich doch gerne vorher noch unsere Wohnung anschauen wollen, bevor sie sich entgültig entscheidet.

Watt? denken wir, das war aber anders abgesprochen. Nun gut, die Katze kann nix dafür, also 2. Versuch. Ich antworte sofort, dass wir das gerne so machen können und sie auch direkt am 26. (was der 2. Weihnachtstag war!) vorbei kommen kann. Sie solle mich bitte anrufen, um den genauen Termin abzuklären

Wer antwortet wieder nicht? Richtig.
Zweieinhalb Tage komplette Funkstille. Wir fühlen uns ein zweites Mal verarscht und sind jetzt echt angefressen. Männe hat schon gar keinen Bock mehr auf den Kram und für ihn ist die Sache direkt erledigt. Am Tag nach Weihnachten (27. Dezember) rufe ich allerdings aus reiner Verbohrtheit morgens das Mädchen an. Das nachfolgende Gespräch hatte ich so nicht erwartet, obwohl ich extra freundlich gesprochen habe.

„Moin, hier ist AnGarasu. Ich rufe wegen der Katze an.“

„Guten Morgen. Was gibt’s?“

„Ich wollte mal wissen, was jetzt Sache ist. Du hast ja weder wie abgesprochen am 23. angerufen, noch dich auf meine beiden Antwortmails von Heiligabend gemeldet. Deswegen gehe jetzt davon aus, dass du dich gegen uns entschieden hast? Ich möchte nur sicher gehen.“

„WAS? Nein, ihr sollt die Katze kriegen. Das ist doch klar!“

„Ach? Das hast du uns aber nicht mitgeteilt. Deswegen wäre es nett gewesen, du hättest uns Bescheid gesagt oder wenigstens auf meine Mails reagiert. Dein Schweigen haben wir jetzt als ein Nein interpretiert und gehen davon aus, dass wir die Katze nicht bekommen.“

„WAS?! Ich glaub es nicht! Was soll das? Ich kann nicht glauben, dass ich mich jetzt rechtfertigen soll, nur wenn ich auf Mails nicht sofort reagiere. Es war Weihnachten! Da habe ich ja wohl besseres zu tun, als vor dem PC zu sitzen und deine Mails zu beantworten!“

„Äh, wie bitte? Ich dachte, du bist krank und Zuhause.“

„Das ist doch wohl meine Sache, ob ich dir gleich antworte oder nicht. Es war immerhin Weihnachten. Da werde ich meine Zeit sinnvoller nutzen! Und überhaupt, in welchem Ton ich mich hier von dir ansprechen lassen muss!“

„Wie bitte? Ton? Das ist kein Ton. Das ist meine normale Stimme. Du hast hingegen gerade einen ganz schönen Ton mir gegenüber drauf, Mädchen! Du willst ein neues Zuhause für deine Katze und hast nicht wie besprochen am Freitag angerufen! Du hast Heiligabend – was im Übrigen auch Weihnachten ist! – sehr wohl vor deinem PC gesessen und eine Mail an uns geschrieben, in der du dich auch nicht an die Absprache hälst. Du hast den 26. Dezember selbst vorgeschlagen, was der 2. Weihnachtstag ist, und dann meldest du dich wieder nicht. Was soll ich deiner Meinung nach also denken, wenn du Heiligabend ne Mail schreibst und den 2. Weihnachtstag für ein Treffen vorschlägst? Dass du Weihnachten Zeit hast, ganz einfach! Ich habe mit meiner Zeit an diesen Tagen auch besseres anzufangen, als nach der Pfeife eines unentschlossenen Mädchens zu tanzen, die meint, dass nur sie den Ton bestimmt! Es geht hier um Absprachen, die du nicht einhälst, und aus jahrelanger Erfahrung mit den Kleinanzeigen, die du aufgrund des Altersunterschiedes zu mir noch nicht hast, heißt Schweigen immer Nein.“

„Ich kann nicht glauben, dass ich mich so von dir anmachen lassen muss!“

„Ja, da hast du vollkommen Recht. Das musst du auch nicht. Und ich mich auch nicht von dir. Und wir müssen auch die Katze nicht nehmen. Ganz einfach. Thema erledigt. Viel Spaß beim Suchen nach neuen Besitzern, die nach deiner Pfeife tanzen. Wir tun es nicht.“

„WAS? NEIN!!! Oh, Gott! Ihr sollt die Katze ja bekommen! Das war doch schon letzte Woche klar! Oh, Gott! Ich glaub’s nicht! Klar, kriegt ihr die Katze. Wir beide müssen ja nicht die besten Freunde sein, Hauptsache die Katze hat es bei euch gut!“

„Ach tatsächlich?“

„Ja!“

„Gut, das sehe ich dann genauso.“

„Wann habt ihr Zeit? Ich würde mir eure Wohnung vorher noch anschauen und dann könnt ihr die Katze holen. Ginge es sogar heute?“

„Ja, das geht. Wann möchtest du vorbeikommen?“

„In drei Stunden? Ist das ok?“

„Ja, das klingt gut. Bis dann.“

„Bis dann.“

 

Die Generationenlücke der normalen Höflichkeit im Umgang miteinander. So schön.

Advertisements

Über AnGarasu

Ich (E30) bin gelernte Pixelschubse für Printmedien und gleichzeitig Bastelqueen. Beides unter einen Hut zu bringen fällt mir manchmal schwer, da mich die ganzen freilaufenden Irren in meinem Leben echt wahnsinnig machen. Als Selbsttherapie schreibe ich deswegen die skurrilsten Geschichten in "Devil Inside" und do-it-yourselfe ziemlich grobmotorisch zum emotionalen Ausgleich in der "Bastelhölle". Das nenne ich Multi-Tasking – live und in Farbe … Zeige alle Beiträge von AnGarasu

Dein Senf hierzu

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: