Rohes Ei

Warnung: Das hier ist kein Food-Porn-Post! Wenn Sie auf Essen hoffen: Gehen Sie weiter! Hier gibt’s nichts für Sie zu sehen!

 

Mir geht’s gut. Wirklich. Richtig gut sogar. Schon seit über zwei Wochen. Keine Depressionen, keine Albträume, keine Stimmmungsschwankungen, kein Omegagefühl. So gut habe ich mich schon seit Jahren, ach was! Jahrzehnten nicht mehr gefühlt. Obwohl ich immer noch au bin, bereits zwei Jobabsagen kassiert habe und auch nichts neues in Sicht ist, bin ich nicht verzweifelt, liege nicht wie ein Häufchen Elend am Wohnzimmerboden und streichel auch nicht zärtlich über den Messerblock neben dem Herd. Nein, nichts dergleichen. Stattdessen lebe ich ziemlich entspannt in den Tag hinein. Nehme meine Pflichttermine war und habe sogar den Schritt zu etwas ganz Neuem gewagt, dass mir in den ersten drei Nächten eine Heidenangst beschert hat.

Alle (meine Therapeuten) haben mir seit der REHA gesagt, dass ich mehr soziale Kontakte brauche und aus meinem Schneckenhaus raus kriechen sollte. Ich würde überrascht sein, wie nett mich die Leute finden würden (trotz meines Aussehens). Immerhin sei ich offen, ehrlich, freundlich, humorvoll und sehr wortgewandt. Das Wort kreativ fiel auch oft, meist in Zusammenhang mit meinem Beruf. Doch dort wird mir ja seit 17 Jahren eingetrichtert, dass ich eben genau das nicht bin, und deswegen glaube ich das auch. Steter Tropfen, you know? Ich bin nicht dafür geeignet, dem Mainstream bzw. der Breiten Masse kreative Designs zu liefern. Habe ich Probleme mit. Meistens unbewusste – ist einfach ein Charakterzug von mir. Ich kann weder mit dem Strom schwimmen, noch gegen ihn. Ich bin ja noch nicht mal drin. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als einfach mein Ding durchzuziehen. Außer mir ist nun mal niemand da, mit dem ich irgendwas gemeinsam oder auch entgegengesetzt tun könnte. Mein Schneckenhaus wird einfach zu gut bewacht, inkl. Minenfeld und Selbstschussanlage, um zufällige Gäste lebend an meine Tür pochen zu lassen.

Nun stehe ich aber außerhalb meiner Sicherheitszone, ohne genau zu wissen, wie ich dort hingekommen bin, und fühle mich gut. Gut! Das muss man sich mal vorstellen! Ich. Fühle. Mich. Gut. GUT!
Alter! Wie krass. Ich meine, ich bin nicht überglücklich, oder so. Ich werfe nicht mit Konfetti oder knutsche wildfremde Leute im Supermarkt ab, aber ich fühle mich ausgeglichen und entspannt. Und das ist gut. Ich bin auf neue Leute zugegangen, die ich schon Ende August auf einer Party kennengelernt hatte, und die haben mich auf Nachfrage tatsächlich in Ihren Kreis mit aufgenommen! Einfach so!
Als zuerst keine Reaktion auf meine Mail kam, dachte ich natürlich, die würden mich auch ghosten, weil die mich wie alle anderen total doof finden, aber die Mail war einfach nur im Nirvana gelandet und nicht im Postfach. Eine simple Nachfrage (für die ich fünf Wochen schwerster Überwindung brauchte) beim Schwager der Leute konnte meine Selbstzweifel und -kasteiung *Schnipp* in Luft auflösen.
Wer hätte das gedacht? Es gibt (doch noch mehr) Menschen, die mich wirklich mögen. Wahnsinn!

Und nun bin ich aus Spaß an der Freude (natürlich nur nebenberuflich) selbstständige Beraterin für Kreative Materialien und organisiere Parties, um die bei fremden (!) Menschen Zuhause zu präsentieren. Und ich habe echt keine Ahnung, wie das passieren konnte! Meine Zunge hat einfach „Hier! Ich!“ geschrien, als ich selbst auf so einer Party zu Gast war und die Beraterin eher spaßeshalber nach einer Interessentin fragte. Im gleichen Moment dachte ich so: „Habe ich mich jetzt gerade freiwillig als Beraterin gemeldet? Bin ich denn komplett irre?“ und habe mir den Mund  vor Schreck zugehalten. Dann sacht mir der irre Teil in mir: „Yupp. Du weißt schon: YOLO. Außerdem sollen wir neue Leute kennen lernen und der Bastelkram ist ne super Eigentherapie, mit der wir doch schon seit Monaten arbeiten. Sieh das einfach nur als kleine Übung für deine sozialen Skills. Du brauchst mehr Freunde. Wenn’s nicht klappt, kannst du immer noch Amok laufen und alle niedermähen.“

Yo. So war das vor zwei Wochen. Nachdem ich den Vertrag unterschieben hatte, wurde ich auch prompt von meiner Förderin zu dem Jahresevent des Vertriebs mitgeschleift und ich habe auf Schlach über 100 neue Leute kennen gelernt. Und ich bin nicht ausgeflippt! Stellt euch das mal vor! Alter, ich kenn‘ mich gar nicht mehr. Was’n da los, ey? Bin ich etwa … normal?

Das macht mir Angst. Nämlich, dass ich gerade keine habe. Und schon so lange am Stück. Das kann doch nicht gut gehen. Ist noch nie gut gegangen. Immer, wenn ich mich gut oder sogar (in ganz seltenen Momenten) glücklich gefühlt habe, ist etwas passiert, dass mich wieder auf den Boden der Tatsachen zurück geholt hat. Wie ein rohes Ei, das von einer Mauer gestoßen wird und auf dem Pflaster zerplatzt. *PLATSCH* Und genau darauf warte ich immer automatisch.
Something wicked will come this way. Ich weiß es genau. Die Angst ist schon da. Sitzt mir im Nacken wie der Geist des toten Mädchens in „Shutter“. Nur dass es wie der blaugesichtige fette Dämon aus „Spawn“ aussieht.

Es geht mir im Moment gut.

Aber wie lange?

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Über AnGarasu

Ich (E30) bin gelernte Pixelschubse für Printmedien und gleichzeitig Bastelqueen. Beides unter einen Hut zu bringen fällt mir manchmal schwer, da mich die ganzen freilaufenden Irren in meinem Leben echt wahnsinnig machen. Als Selbsttherapie schreibe ich deswegen die skurrilsten Geschichten in "Devil Inside" und do-it-yourselfe ziemlich grobmotorisch zum emotionalen Ausgleich in der "Bastelhölle". Das nenne ich Multi-Tasking – live und in Farbe … Zeige alle Beiträge von AnGarasu

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