Psycho-Buddies

Mein persönliches Schwiegermonster ist ja bekanntermaßen ein Psycho. (Wer jetzt erstaunt aufmerkt, der hat anscheinend die regelmäßigen Berichte über meine Schwiegerfamilie nicht aufmerksam genug gelesen und kann sich jetzt setzen. Sechs!) Ich kenne diese Frau dieses Jahr seit 20 Jahren und habe sie nie anders als leidend, depressiv und lautstark jammernd gesehen.

Ja, ich gebe zu, sie hatte und hat tatsächlich kein besonders schönes Leben. Sie wurde mit 18 ungewollt schwanger, musste den Mitverursacher heiraten und kam in eine sehr kaltherzige Schwiegerfamilie, die sie psychisch und manchmal sogar auch körperlich misshandelte. Ihr Mann setzte sich in den ersten Jahren fast ausschließlich für seine Karriere, statt für seine Frau ein, während diese täglich 14 Stunden beim Spargelstechen, -verkaufen- und einkochen helfen musste. Trotz zweier kleiner Kinder, denn dem ersten Sohn wurde nach nur knapp 2 Jahren ein zweiter – dieses Mal mit Absicht – hinterher geschoben. Sie musste kurz vor der ersten Geburt ihre Ausbildung bei der Caritas abbrechen und hat es seitdem nicht geschafft, in irgendeinem Beruf Fuß zu fassen und finanziell unabhängig zu sein. Sie war immer auf das – ziemlich gut fließende – Geld ihres Mannes angewiesen, der lieber überall anders war und immer noch ist, als Zuhause bei ihr und den Kindern. Ihre bis dahin völlig unbeschwerte, freizügige Jugend und auffallende Schönheit ging schnell dahin, sie überwarf sich wegen einer Erbangelegenheit unwiderruflich mit ihren Geschwistern und sie wurde zu einer immer dauerjammernden, ständig schlecht gelaunten und emotional extrem manipulativen Frau, die ihre gesamte Umgebung mit von ihr erzeugtem schlechtem Gewissen tyrannisiert: Niemand kümmert sich um sie, niemand liebt sie, keiner denkt auch nur an sie. Sie hat es von allen am Schwersten und muss sich alleine um den Haushalt, die Kinder, die bösen Schwiegereltern, die vielzähligen kranken Verwandten und um den 6.000 Quadratmeter großen Garten kümmern.
Ihre Jammerei geht inzwischen so weit, dass selbst ihre Familie flüchtet, so schnell es geht, da man mit ihr überhaupt nicht mehr objektiv über ihre bzw. irgendeine Situation reden kann. Sie steckt so tief in ihrer festgefahrenen Sichtweise, dass man selbst als gesunder Mensch nur noch genervt und angewidert ist, weil sie Ratschlägen, Hilfsversuchen und konstruktiver Kritik nur mit bösartiger Paranoia und dem massiven Erzeugen schlechten Gewissens antwortet.

Letztes Jahr ist sie mal wieder in Psychotherapie gegangen (die achte), da ihre Depressionen so stark geworden sind, dass nun endlich auch das ganze Dorf darüber das Maul zerreißt. Nicht, weil jemand darüber getratscht hätte, nein, wo denkt man hin, sondern, weil sie es jedem, der nicht schnell genug von ihr weg kommt, freimütig von der Leber weg förmlich aufgedrängt! Ich habe selbst mehrfach mit angehört, wie sie ihre Leidensgeschichte fast völlig Fremden gegenüber genüsslich ausbreitet. (Gut, jedem ist es natürlich selbst überlassen, wie er mit seiner Erkrankung umgeht, aber die Art, wie sie es macht, ist ein extrem abschreckendes Beispiel für mich und bestärkt mich voll in meiner. Immerhin tue ich ja auch aktiv was gegen meinen Zustand, was mein Schwiegermonster leider nicht tut, außer sinnlos zur Therapie zu gehen und zu jammern, aber sonst nichts in ihrem Leben ändert. Ich will auf keinen Fall, dass die Leute vor mir weglaufen, weil sie es nicht mehr hören können, wie schlecht es mir immer geht! )

Ich verberge meinen Zustand so gut es geht nach außen hin. Trage eine Maske aus Sarkasmus und Galgenhumor, die meine Umwelt fast 30 Jahre lang für mein wahres Gesicht gehalten hat. Selbst als die zuerst nur winzigen Risse irgendwann so groß wurden, dass die Maske schon halb von meinem Gesicht gebröckelt und das bloße Fleisch zu erkennen war, tat ich noch so, als sei alles in Butter. Ich war jahrelang so gut darin, meine inneren Dämonen zu verstecken, dass selbst Männe aus allen Wolken fiel, als ich endlich zusammenbrach.
Selbst meiner Therapeutin während der REHA konnte ich noch etwas vormachen, ohne dass sie auch nur den Hauch der Wahrheit erkannte. Als sie mich deswegen als arbeitsfähig entlassen und mich zurück in die Hölle schicken wollte, erkannte ich endlich, dass mein Verhalten nur mir selbst schadet und ich dringend mit der Wahrheit rausrücken musste. Und dennoch trage ich mein depressives Herz nicht auf der Zunge und erzähle auch nicht jedem von Angesicht zu Angesicht, wie es in mir drinnen aussieht. Noch nicht einmal eine Handvoll Personen kennen meinen inneren Zustand im Detail. Natürlich gebe ich auf konkrete Nachfrage im Bekanntenkreis auch mal eine allgemeine Antwort über mein Burn out, aber über die richtigen Depressionen kann ich nur hier im anonymen Raum sprechen. Aber das auch nicht im vollen Ausmaß. Deswegen gibt es auch keinen vollständigen Bericht über meine REHA letztes Jahr und es wird auch keinen geben.

Weswegen ich eigentlich dieses Text schreibe, ist das Telefonat, das ich vor ein paar Tagen mit meinem Schwiegermonster führen musste. Sie rief mich an und fragte, ob ich mit meiner Therapeutin zufrieden wäre. Sie käme mit ihrer nach 9 Monaten immer noch nicht klar, da diese so distanziert ihr gegenüber sei, obwohl sie schon einmal versucht hat, mit ihr darüber zu sprechen, wie unwohl sie sich fühlt. Deswegen wolle sie gerne mit mir ein paar Erfahrungen austauschen, da wir ja nun beide das gleiche Problem hätten und quasi in einem Boot säßen.

Mir ist fast das Telefon aus der Hand gefallen.

Liebe B., wir sitzen mitnichten im selben Boot und sind damit auch keine Psycho-Buddies! Und das letzte, was ich will, ist, mit meiner Schwiegermutter über meine Probleme zu reden, wenn ich noch nicht mal mit Männe und meiner eigenen Mutter in voller Ausführlichkeit darüber sprechen kann. Vor allem, wenn ein Teil meiner Probleme auf dem manipulativen Verhalten meiner Schwiegermutter mir und Männe gegenüber fußt! Ich mache die Dinge mit mir selbst und meiner Therapeutin aus und rede nicht mit jedem drüber.

 

Ihre Antwort, dass sie mich total gut verstehen könnte, weil sie auch mit niemandem über ihren Zustand redet und sich immer ins stille Kämmerlein zurückzieht, damit keiner erfährt, wie schlecht es ihr geht, lasse ich an dieser Stelle lieber mal unkommentiert …

 

 

 

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Über AnGarasu

Ich (E30) bin gelernte Pixelschubse für Printmedien und gleichzeitig Bastelqueen. Beides unter einen Hut zu bringen fällt mir manchmal schwer, da mich die ganzen freilaufenden Irren in meinem Leben echt wahnsinnig machen. Als Selbsttherapie schreibe ich deswegen die skurrilsten Geschichten in "Devil Inside" und do-it-yourselfe ziemlich grobmotorisch zum emotionalen Ausgleich in der "Bastelhölle". Das nenne ich Multi-Tasking – live und in Farbe … Zeige alle Beiträge von AnGarasu

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