Archiv der Kategorie: Hybris

Rädern

„Kann ich dich allein lassen mit deinem Rücken?“

„Klar, wird schon gehen. Bist ja nicht Ewigkeiten weg.“

„Nicht, dass du währenddessen unter die Räder kommst.“

„Häh? Welche Räder? Hier im Wohnzimmer sind keine Räder.“

„Na, deine Räder! Ich kenn dich doch! Du stolperst in deiner Tollpatschigkeit nachher noch über deine eigenen Füße und fällst prompt mitten in den Glastisch. Und ich darf das dann der Polizei erklären. Glaubt mir doch kein Mensch, dass du von selbst da rein gefallen bist.“

„Und vergiss nicht das ganze Blut! So eine Schnittverletzung an der Halsschlagader, da spritzt das Blut ganz gut durch die Gegend. Manchmal bis an die Decke.“

„Ooooor! Dann müsste ich ja auch noch stundenlang putzen! Nee, nee, nee. Schnall dich lieber am Sofa fest, damit du bloß nicht abkratzt, während ich Bock fahre. Das wär mir echt zuviel Arbeit, deine Leiche zu entsorgen.“

„Mach ich. Viel Spaß beim Bockfahren!“

„Danke!“

„Und vergiss nicht, genügend Lappen mitzubringen!“

„Oooooorrr!“

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Solidarisch Rücken

Long time not see.

Da liegt daran, dass mein neuer Job so gut ist, dass ich derzeit eigentlich gar nicht Böses zu verbloggen habe. Heute ist der erste Tag meines ersten Urlaubes und ich vermisse die Leute auf Arbeit! Hatte ich in 17 Jahren Berufstätigkeit noch nie! NIE!!! Die sind alle so nett und die Arbeit macht so einen Spaß, ich werde gewertschätz und beinahe jeden Tag für mein Engegemant und Können gelobt. Ich fühle mich wie im Traum!

Um so merkwürdiger ist es, dass ich scheinbar aus reiner Solidarität mit der Stadtkatze seit Donnerstagmorgen auch Rücken habe. Es begann mit einem leichten Muskelziehen, das sich am Freitagabend zu einem veritablem Schmerz ausgearbeitet hatte. Es ist zwar kein Hexenschuss, aber immerhin eine böse Muskelverkrampfung, die mich am WE ganz schon ausgebremst hat. Der WE-Putz am Samstag hat mir dann den Rest gegeben und die Wärmflasche war bis gestern Abend meine beste Freundin (Sorry, Stadkatze.). Wobei ich eigentlich nicht Mimimi singen dürfte, denn immerhin hat die Stadtkatze viel mehr mit ihrem Rücken vor Kurzem zu ertragen gehabt als ich derzeit. Nämlich echten Hexenschuss und eine neue-Hausarzt-finde-Odysse hinter sich, dass selbst Odysseus auf der Treppe sitzend geheult hätte, wenn er ebenso unverschämt von einer Sprechstundenhilfe bei akuten Schmerzen abgewiesen worden wäre, wie es meiner BF passiert ist.

Als sie mir das erzählte, wäre ich am Liebsten zu der Praix gefahren und hätte die Qualle quer über den Tisch gezogen und ein paar Mal auf den Boden gedribbelt! Dass es sowas in Deutschlang überhaupt gibt! Unfassbar!

Aber ich will der Stadtkatze nicht vorgreifen, deswegen hier nur mein tiefstest Mitgefühl (im wahrsten Sinne des Wortes) für ihre Situation.


Stock und Stein bricht mir das Bein …

… aber Worte tun nicht weh?

Manchmal klickst du dich nichts ahnend durch seine Blogroll und stolperst plötzlich über einen Text, der dich wie der Blitz trifft.

BÄMM!

Eingeschlagen. Und zwar in dich.
Dann sitzt du wie paralysiert vor dem Rechner und starrst mit blinden, tränenschwimmenden Augen auf diesen Text, der dich gerade mitten ins Hirn, Herz, oder was auch immer getroffen hat, und bist direkt in die Vergangenheit katapultiert worden.

Sätze, die schon lange in deinen Erinnerungen unter Tonnen von emotionalem Beton von dir begraben wurden, hallen überwältigend laut in deinem Kopf wider. Und während sie immer lauter und lauter auf dich einbrüllen, wirst du immer kleiner und kleiner …

„Sie sind eine totale Versagerin! Sie können noch nicht mal die einfachsten Gleichungen lösen. Sie werden es in ihrem Leben zu nichts bringen. Niemals!“
(Mathelehrerzitat während der Oberstufe)

„Du bist hässlich.“
(Kindermund diverse Male)

„Du bist zu fett. Mit dir spielen wir nicht.“
(Kindermund diverse Male)

„Du bist zu vorlaut.“
(Lehrer- und Chefzitat)

„Sie sind einfach zu selbstbewusst für Ihr Aussehen.“
(Arbeitsamtsachbearbeiter- und Chefzitat)

„Du tust immer, als wüsstest du alles, aber in Wirklichkeit kannst du nichts.“
(Kolleginnenzitat während der Ausbildung)

„Auf dem Foto sehen Sie aber viel hübscher aus.“
(Kundenzitat nach der Ausbildung)

„Ihre schöne Stimme passt gar nicht zu Ihrem Aussehen.“
(Kundenzitat während und nach der Ausbildung)

„Eine hübsche junge Frau würde die Männer hier nur vom Arbeiten abhalten. Deswegen haben wir Sie eingestellt.“
(Chefinnenzitat)

„Du schiebst die Schuld immer auf andere.“
(Chefzitat)

„Stell dich nicht so an.“
(Familien- und Chefzitate)

Auch Nieselpriem kennt diese Stimmen. Bei ihr ist es aber wenigstens dennoch gut ausgegangen. Weil es immer wieder Leute gab, die sich für sie einsetzten, ihr Zuspruch gaben und sie auch eine große Portion Glück hatte.

Ich hingegen nicht.


Neues Spiel? Neues …

… Glück?

Oder doch Pech? Wer weiß. Aber auf jeden Fall habe ich einen neuen Job.

Zum 1. Juni soll’s losgehen. Teilzeit als Mediengestalterin – und NUR als Mediengestalterin.
Kein Drucken mehr, keine kaufmännischen Aufgaben, kein Konfektionieren und keine Abteilungsleiteraufgaben. Und das alles bei nur 70% des eigentlichen Gehaltes in einer 45 Stundenwoche.
Stattdessen nur noch 30 Stunden die Woche an 5 Tagen, von 8 bis 14 Uhr. So wie ich es mir vorgestellt habe. In einer kleinen Werbeagentur 20 Autominuten entfernt. Leute nett, Gebäude nett, Kunden nett, Aufgabengebiet nett, Urlaub ok, Geld naja.

Zuerst waren die wegen meiner Hintergrundgeschichte, die ich denen nach dem Vorstellungsgesprächs bei der Einladung zum Probearbeiten wahrheitsgemäß offen legte, sehr geschockt und arg im Zweifel, ob ich gesundheitlich belastbar wäre, dennoch haben mein Können und meine Berufserfahrung überzeugt, die ich unbedingt mit neuen Ideen einbringen soll.

Bleibt nur noch die Kündigung bei meiner alten Hölle Firma. Ich habe denen per Mail schon mal vorab Bescheid gegeben, dass ich zum 31. Mai weg sein werde. Waren sie total mit einverstanden. (Ach, echt?)
Männe hat den Schrieb dann abends auf dem Weg zur Arbeit bei denen in den Briefkasten geworfen. Mit ausführlichem Handyvideo, nur falls die mir erzählen wollen, die hätten den angeblich nicht gekriegt. So plietsch bin ich ja nun auch.
Jetzt warte ich auf die Bestätigung. Hab noch ein paar kleine Forderungen gestellt, von denen mir die allermeisten auch zustehen, laut Nachfrage bei der Gewerkschaft. Wahrscheinlich hauen die mir trotzdem noch ein paar böse Steine in den Weg, aber das werde ich auch überleben.

Und dann heißt es:

Fuck off!


Muttermord

Musste meiner Mutter heute per Telefon durch die Installation von TeamViewer auf ihrem neuen PC helfen. Nur um dann nach 90 (!) Minuten Irsinn und und zig geschrieenen Anweisungswiederholungen festzustellen, dass der Rechner doch ganz normal funktioniert und nicht „obwohl neu schon total kaputt“ ist.

Entweder ich gehe beim nächsten Fernwartungs-Mal direkt wieder 4 Wochen in REHA oder lebenslang in den Knast.

Muss ich nochmal drüber schlafen ….


Rohes Ei

Warnung: Das hier ist kein Food-Porn-Post! Wenn Sie auf Essen hoffen: Gehen Sie weiter! Hier gibt’s nichts für Sie zu sehen!

 

Mir geht’s gut. Wirklich. Richtig gut sogar. Schon seit über zwei Wochen. Keine Depressionen, keine Albträume, keine Stimmmungsschwankungen, kein Omegagefühl. So gut habe ich mich schon seit Jahren, ach was! Jahrzehnten nicht mehr gefühlt. Obwohl ich immer noch au bin, bereits zwei Jobabsagen kassiert habe und auch nichts neues in Sicht ist, bin ich nicht verzweifelt, liege nicht wie ein Häufchen Elend am Wohnzimmerboden und streichel auch nicht zärtlich über den Messerblock neben dem Herd. Nein, nichts dergleichen. Stattdessen lebe ich ziemlich entspannt in den Tag hinein. Nehme meine Pflichttermine war und habe sogar den Schritt zu etwas ganz Neuem gewagt, dass mir in den ersten drei Nächten eine Heidenangst beschert hat.

Alle (meine Therapeuten) haben mir seit der REHA gesagt, dass ich mehr soziale Kontakte brauche und aus meinem Schneckenhaus raus kriechen sollte. Ich würde überrascht sein, wie nett mich die Leute finden würden (trotz meines Aussehens). Immerhin sei ich offen, ehrlich, freundlich, humorvoll und sehr wortgewandt. Das Wort kreativ fiel auch oft, meist in Zusammenhang mit meinem Beruf. Doch dort wird mir ja seit 17 Jahren eingetrichtert, dass ich eben genau das nicht bin, und deswegen glaube ich das auch. Steter Tropfen, you know? Ich bin nicht dafür geeignet, dem Mainstream bzw. der Breiten Masse kreative Designs zu liefern. Habe ich Probleme mit. Meistens unbewusste – ist einfach ein Charakterzug von mir. Ich kann weder mit dem Strom schwimmen, noch gegen ihn. Ich bin ja noch nicht mal drin. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als einfach mein Ding durchzuziehen. Außer mir ist nun mal niemand da, mit dem ich irgendwas gemeinsam oder auch entgegengesetzt tun könnte. Mein Schneckenhaus wird einfach zu gut bewacht, inkl. Minenfeld und Selbstschussanlage, um zufällige Gäste lebend an meine Tür pochen zu lassen.

Nun stehe ich aber außerhalb meiner Sicherheitszone, ohne genau zu wissen, wie ich dort hingekommen bin, und fühle mich gut. Gut! Das muss man sich mal vorstellen! Ich. Fühle. Mich. Gut. GUT!
Alter! Wie krass. Ich meine, ich bin nicht überglücklich, oder so. Ich werfe nicht mit Konfetti oder knutsche wildfremde Leute im Supermarkt ab, aber ich fühle mich ausgeglichen und entspannt. Und das ist gut. Ich bin auf neue Leute zugegangen, die ich schon Ende August auf einer Party kennengelernt hatte, und die haben mich auf Nachfrage tatsächlich in Ihren Kreis mit aufgenommen! Einfach so!
Als zuerst keine Reaktion auf meine Mail kam, dachte ich natürlich, die würden mich auch ghosten, weil die mich wie alle anderen total doof finden, aber die Mail war einfach nur im Nirvana gelandet und nicht im Postfach. Eine simple Nachfrage (für die ich fünf Wochen schwerster Überwindung brauchte) beim Schwager der Leute konnte meine Selbstzweifel und -kasteiung *Schnipp* in Luft auflösen.
Wer hätte das gedacht? Es gibt (doch noch mehr) Menschen, die mich wirklich mögen. Wahnsinn!

Und nun bin ich aus Spaß an der Freude (natürlich nur nebenberuflich) selbstständige Beraterin für Kreative Materialien und organisiere Parties, um die bei fremden (!) Menschen Zuhause zu präsentieren. Und ich habe echt keine Ahnung, wie das passieren konnte! Meine Zunge hat einfach „Hier! Ich!“ geschrien, als ich selbst auf so einer Party zu Gast war und die Beraterin eher spaßeshalber nach einer Interessentin fragte. Im gleichen Moment dachte ich so: „Habe ich mich jetzt gerade freiwillig als Beraterin gemeldet? Bin ich denn komplett irre?“ und habe mir den Mund  vor Schreck zugehalten. Dann sacht mir der irre Teil in mir: „Yupp. Du weißt schon: YOLO. Außerdem sollen wir neue Leute kennen lernen und der Bastelkram ist ne super Eigentherapie, mit der wir doch schon seit Monaten arbeiten. Sieh das einfach nur als kleine Übung für deine sozialen Skills. Du brauchst mehr Freunde. Wenn’s nicht klappt, kannst du immer noch Amok laufen und alle niedermähen.“

Yo. So war das vor zwei Wochen. Nachdem ich den Vertrag unterschieben hatte, wurde ich auch prompt von meiner Förderin zu dem Jahresevent des Vertriebs mitgeschleift und ich habe auf Schlach über 100 neue Leute kennen gelernt. Und ich bin nicht ausgeflippt! Stellt euch das mal vor! Alter, ich kenn‘ mich gar nicht mehr. Was’n da los, ey? Bin ich etwa … normal?

Das macht mir Angst. Nämlich, dass ich gerade keine habe. Und schon so lange am Stück. Das kann doch nicht gut gehen. Ist noch nie gut gegangen. Immer, wenn ich mich gut oder sogar (in ganz seltenen Momenten) glücklich gefühlt habe, ist etwas passiert, dass mich wieder auf den Boden der Tatsachen zurück geholt hat. Wie ein rohes Ei, das von einer Mauer gestoßen wird und auf dem Pflaster zerplatzt. *PLATSCH* Und genau darauf warte ich immer automatisch.
Something wicked will come this way. Ich weiß es genau. Die Angst ist schon da. Sitzt mir im Nacken wie der Geist des toten Mädchens in „Shutter“. Nur dass es wie der blaugesichtige fette Dämon aus „Spawn“ aussieht.

Es geht mir im Moment gut.

Aber wie lange?


Auf die Hupen

AnGarasu sitzt im Auto und fährt entspannt die kleine Verbindungstraße zwischen ihrem winzigen Wohnort und der Landesstraße entlang. Beim kleinen Bahnübergang sieht sie vor sich einen Lancia-SUV im Schneckentempo über die einspurigen Gleise schleichen. Sie bremst auf das Tempo des Vordermannes herunter und schleicht mit genügend Abstand hinter her, bereit wieder auf ca. 60-70 km/h zu beschleunigen.

Nur leider is nix mit beschleunigen, denn der SUV fährt weiterhin Schneckentempo.

Nanu? Was ist denn da los? denkt sich AnGarasu verwundert und beschließt, dass es jetzt auch keinen Sinn macht, für die letzten 100 m bis auf die Landstraße zu überholen. Schulterzuckend fährt sie gemächlich hinter dem Vordermann bis zur sehr gut einsehbaren T-Kreuzung hinter her. Dort bremst der SUV ab und bleibt stehen. Ohne zu blinken.

Wo will der denn hin? Geradeaus geht nicht, da ist nur Feld. Bleibt also nur links oder rechts. Aber nix tut sich.
Von links kommt jetzt in ca. 130 Meter Entfernung ein LKW, der sich gemächlich mit 70 km/h nähert. Der SUV fängt rechts an zu blinken, bleibt aber stehen.
Höh? Warum denn? Das ist mehr als genug Platz und Zeit nach rechts abzubiegen? Doch er steht.

Na gut, denkt sich AnGarasu, Ortsfremde sind manchmal etwas übervorsichtig. Obwohl man eine superfreie Sicht mehrere hundert Meter in beide Richtungen hat, wird dann etwas gezögert. Hat sie Verständnis für.
Alles klar, LKW ist jetzt vorbei, dahinter kommt zwar wieder ein Auto mit mehr als 120 Meter Abstand, aber nun wird der SUV doch wohl fahren. Oder? Oder???

Nein. Mitnichten.

Was soll das???!!! Ist der blöd? Blind? Oder beides?
Jetzt wird AnGarasu etwas ungehalten und drückt einmal kurz, aber kräftig auf die Hupe. Nur für den Fall, dass der Fahrer des SUVs in den Sekundenschlaf gefallen sein sollte.

Da reißt mirnichtsdirnichts eine blonde Tussi Furie die Beifahrertür auf und kreischt wahnsinnig laut und wild fuchtelnd in AnGarasus Richtung: „HALT DIE BLÖDE FRESSE!!!“ und knallt den Finger zeigend die Tür wieder dicht.

Sich nicht ganz sicher, ob sie soeben kurzfrstig in ein irres Paralleluniversum gerutscht ist, sieht AnGarasu perplex zu, wie der Wagen nach dem Vorbeirauschen des anderen Autos endlich im Schneckentempo anfährt und genauso schnell nach rechts abbiegt.
Ihrer Wahrnehmung wieder mächtig, tritt sie ihrerseits, Ivans Turbodiesel mit 110 PS voll ausnutzend, kräftig auf den Pinsel und fährt in die gleiche Richtung. Den Fuß bis aufs Bodenblech durchdrückend setzt sie sofort zum Überholen an und wirft einen Blick in den Fahreraum: Sitzt da ein extrem verschüchtertes Häschen Mädchen, blond und keine 15 wahrscheinlich gerade mal 17 Jahre alt, kann kaum über das Riesenlenkrad schauen und wird von ihrer ebenfalls blöden blonden und wie ein Model bespachtelten Furienmutti beim Autofahren begleitet.

Ach, herrjeh … die arme StVO.

Na, das nenne ich mal ein klasse Vorbild für die zukünftigen Autofahrten ihrer Tochter.
Gut gemacht, du dämliche Alte.