Archiv der Kategorie: Lehrjahre

Geschützt: Symptom #7

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Testballon

Frühling 2010: Nach langem hin und her habe ich mich mal umgesehen, welcher Job mir alternativ noch Spaß machen könnte. Nach diversen Berufsbeschreibungen auf der Homepage der AfA, hatte ich mich vor gut zwei Wochen für die „Gestalterin für visuelles Marketing“ entschieden. Früher einfach „Schauwerbegestalter“ genannt, gaaanz früher auch „Fensterdekorateur“ oder so ähnlich. Da das Marketing aber vom Schaufenster auch in den Innenraum gewandert ist, muss heute der gesamte Raum gestaltet werden.

Handwerklich bin ich geschickt, kann mit Werkzeugen umgehen, ohne gleich einen Finger zu kappen, und ich habe schon immer gerne dekoriert und gebastelt. Meine Fähigkeiten als Mediengestalterin sind auch nützlich, da man auch was am PC entwerfen und gestalten muss.

Zufällig habe ich vor gut zwei Wochen bei einer „Einkaufsstadt“ gesehen, dass die diesen Beruf ausbilden. Nach einer Nacht habe ich mir ein Herz gefasst und einen Testballon gestartet, sprich: mich dort beworben. Einfach so, ohne drauf zu hoffen, dass das was wird.
Heute morgen bekam ich die Antwortmail: Ich soll nächste Woche zum Eignungstest mit einem Haufen Teenager, die auch GfvM werden wollen. Neben dem schriftlichen Test, kommen natürlich Praxis und mündlich dran. Die Praxis macht mir keine Sorgen, mündlich auch nicht. Labern kann ich wie ein Weltmeister. Aber schriftlich: Mathe, Politik, Geschichte, Erdkunde. WaaaaaaaaaaHHHHH! Die einzige Formel, die ich noch kenne, ist E=MC2; von den Bundesländerhauptstädten kenne ich nur Bremen und Hannover; ich weiß, dass wir die beiden WKs verloren haben und das Merkel jetzt Kanzlerin ist. Ich krieg ’ne Krise!

Das heißt, ich muss nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung gehen und einfach ein paar Themengebiete wieder auffrischen. Dafür habe ich vier Tage Zeit. *mitdenArmenwedelnddurchdieGegendrennundschrei*


Nüchtern betrachtet

2003: Ich bin schon eine Weile aus der Auslbildung raus und treffe zufällig an der Supermarktkasse meinen Kollegen aus der Druckerei wieder. Im Laufe des Gespräches kommen wir auch auf den immer betrunkenen Seemann zu sprechen. Auf meine Frage, ob er immer noch von der Geschäftsleitung gedeckt wird, bekomme ich Folgendes zu hören:

Unser Seemann hatte eines Nachts eine Offenbarung. Während er in Morpheus‘ Armen liegt, scheint wohl sein sorgsam auf einem Level gehaltener Alkoholpegel von 1,5 Atü zu sinken. Sein Hirn meldet ein Ungleichgewicht, in Form eines durch das  Schlafzimmer rasenden ICEs. Der Seemann wacht auf, sieht „tatsächlich“ den Zug und fängt an zu schreien. Dieses Ereignis ist wohl der letzte Tropfen (wortwörtlich), der das Fass zum Überlaufen bringt. Entweder bei ihm oder seiner Frau, das wusste mein Kollege auch nicht.

Am nächsten Tag meldet sich der Seemann endlich zum Entzug in einer Klinik an. Die Geschäftsführung ließ nur durchblicken, er sei auf einer Kur wegen seines Übergewichts. Ja nee, is klar … Die oben genannte Halluzination machte genau so schnell die Runde in der Firma, wie der ICE im Schlafzimmer.


Verschätzt

Frühjahr 2002: Wie schon erwähnt kam es in der Druckerei zu einem Vorfall mit dem betrunkenen Seemann, der auch sehr viel schlimmer hätte ausgehen können.

Vorweg: Die Druckerei hat einen kleinen Vorhof, der mit knapp 2 m hohen massiven Steinmauern umgeben war. Die Einfahrt war 2,5 m breit und durch ein Eisentor abzuschließen. Wenn wir eine Papierlieferung bekamen, hatten die LKW-Fahrer ziemlich Mühe, ihre Fahrzeuge auf dem kleinen Hof zu manövrieren. Sehr oft konnte man mit dem Auto nicht mehr durch die Einfahrt fahren, da ein LKW sie beim Ausladen zu 2/3 blockierte. Da hieß es eben 10 Minuten warten, bis der LKW wieder weg war. Bis dato hat sich jeder dran gehalten. Bis dato …

Ich komme von der Berufsschule mittags in die Druckerei und denke, ich seh‘ nicht richtig: Auf dem Hof steht ein LKW, dessen Front arg ramponiert aussieht, die Mauer hat einen autoförmigen Abdruck am linken Rand und dem Auto vom Seemann, ein Minivan, fehlen die Stoßstange und beide Kotflügel. Ich stürme ins Büro, Böses ahnend, und mein Kollege erzählt mir die Geschichte: Der Seemann will auf den Hof fahren, kann aber nicht, weil ein LKW gerade Papier liefert. Er will aber nicht warten und denkt im Suffkopf, sein Minivan ist so mini, dass er durch die kleine Lücke zwischen Mauer und LKW passt. Mein Kollege hatte echt einen Logenplatz, denn das große Bürofenster zeigt direkt auf den Hof. Er hört den Motor aufheulen, das Auto prescht nach vorn und … BAAAAM! Das Auto steht tatsächlich auf dem Hof. Nur eben ohne Stoßstange und Kotflügel. Göttlich! Und ich hab’s verpasst! *heul*

Die Polizei fand die ganze Sache leider nicht so witzig wie wir, da sie dann doch den starken Alkoholgreuch des Seemanns wahrnahm. Außerdem wurde der Hof von sehr vielen Schülern als Abkürzung zur Schule benutzt. Wie oft haben wir gesehen, dass nur sehr schnelle Reflexe etwas Schlimmeres verhindert haben. Fazit: Führerschein weg, eine hohe Geldstrafe und eine wirklich, wirklich böse Ehefrau, die ihren Mann jetzt immer zur Arbeit fahren musste.


Umgehauen

Frühjahr 2002: Mein Ausbildungsbetrieb hatte eine Zweitbüro in einer Druckerei, mit der wir sehr eng zusammen garbeitet haben und die uns Ihre Kundenaufträge übergeben hat, da sie keine eigene Satzabteilung hatte. Ich war regelmäßig dort und habe mit einem sehr netten und wirklich qualifizierten Kollegen zusammen gearbeitet. Von ihm habe ich mehr gelernt als von allen anderen zusammen.

Dieses Büro hatte eine Holztür mit einem großen Fenster im oberen Drittel, durch das man auch vom Stuhl aus quer durch die Druckerei sehen konnte, bis zu einem Archivraum, in dem die Kundenakten lagen. Einer der stillen Teilhaber dieser Druckerei war ein extrem korpulenter, etwa 50 jähriger Alkoholiker. Er kam jeden Tag mit einen Standardpegel von geschätzten 1,5 Atü in die Firma gefahren, mit dem Auto. Die Fahne konnte man schon 100 m vor seiner Ankunft riechen. Gegen Ende meiner Ausbildungszeit wurde es mit ihm immer schlimmer. Meine Kollegen haben sich jeden Tag darüber unterhalten, wie verantwortungslos die Geschäftsleitung der Druckerei handelt. Die hat die Alkoholsucht seit Jahren vertuscht, obwohl es natürlich schon viele gefährliche Vorfälle mit diesem Mann gab. Niemand hat mal wirklich etwas dagegen unternommen oder auch nur gesagt. Alle haben sich nur lustig gemacht. Außer mir. Ich fand, man sollte den Herrn wegen Trunkenheit am Steuer anzeigen.

Eines Tages sehen ich durch das Fenster in der Holztür und den Herrn mal wieder kräftig vollgetankt durch die Druckerei schwanken, wie eine Fregatte bei einem Orkan von einer Seite auf die andere schlingern. Wenn die Druckmaschinen nicht aus starken Stahl bestanden hätten, seine Körpermasse von 180 kg hätte sie glatt durch die Wand geschoben, bei dem Versuch sich abzustützen. Mit einer Mischung aus Faszination und Entsetzen sehe ich ihn ins Archiv gehen und denke noch: Wie hält er sich bloß auf den Beinen? Ich sehe kurz weg, weil mein Kollege mich etwas fragt. Wirklich nur einen Bruchteil einer Sekunde! Als ich wieder hinsehe, ist die Fregatte weg. Höh? Was zum … Wo ist der? Zum Raum gibt’s nur einen Zugang und durch den ist er doch gerade gegangen. Ich stehe auf, um mir das genauer anzusehen und kriege gerade mit, wie drei Drucker mit einem Affenzahn durch die Druckerei ins Archiv rennen. Als ich unsere Bürotür öffne, bietet sich mir das ganze Spektakelum dar: Der besoffene Seemann liegt wie ein Maikäfer auf dem Rücken und kommt nicht mehr hoch! Da hat’s ihn doch glatt von den Beinen gehauen, als ein Regal, an dem er sich abstützen wollte, seiner Masse nicht gewachsen war und einfach in sich zusammengebrochen ist und er gleich mit. Die drei Drucker – ziemlich kräftige Männer – haben ihn nur mit Müh und Not hoch gewuchtet bekommen.

Der Geschäftsführer jr. konnte diesen Vorfall leider nicht mehr vertuschen, da zu viele Leute ihn mitbekommen haben. Vor allem mein Kollege und ich. Ich fand, es war an der Zeit, mal der Polizei einen Tipp zu geben und habe das auch laut ausgeprochen. Daraufhin kamen mein Chef und der Geschäftsführer der Druckerei zu mir, um mich davon abzuhalten. Aber es sollte noch zu einem weitaus schlimmeren Vorfall kommen, bevor der Herr in den Entzug geschickt wurde.


Willkommen in der Keramikabteilung!

Ausbildung 2000: Das erste, was mir immer wieder einfällt, wenn ich an meine Ausbildungszeit in der kleinen Werbeagentur denke, ist mein damaliger Chef. Er war ein ziemlich lockerer Typ: lange graue Haare, schlacksig, duzte jeden, war vergesslich. Sogar so vergesslich, dass er immer wieder vergaß, ein Telefon am Ohr zu haben und und trotzdem auf die Toilette ging und dort das Telefonat  (mit wichtigen Kunden) weiter führte.
Der Toilettenraum war sehr klein und komplett gefliest. Vertrauenswürdige Quellen versicherten mir, das man am anderen Ende der Leitung jedes (!) Geräusch hören konnte, z. B. das Fehlen des Wasserrauschens beim … äh … Händewaschen.

Als kleiner Azubi darf man ja nichts sagen, da Cheffe Gott ist, aber gedacht habe ich mir eine Menge. Einige der Kunden wohl auch …